Jahresschlussgespräch im PresseClub München: Kardinal Marx über Aufarbeitung, Reformen und Hoffnung in Krisenzeiten

Beim traditionellen Jahresendgespräch im PresseClub München stellte sich Kardinal Reinhard Marx den großen Fragen unserer Zeit – moderiert von Daniela Philippi, Vorstandsmitglied des PresseClubs. Das Gespräch zeigte einen Kirchenmann, der Herausforderungen offen benennt und zugleich an der Kraft von Verantwortung, Dialog und Hoffnung festhält.
Einen Tag nach Erscheinen der neuen Studie „Sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt. Übergriffe auf Minderjährige durch katholische Geistliche im Bistum Passau 1945 bis 2022“ war der Missbrauchsskandal rund um die katholische Kirche unweigerlich Ausgangspunkt der Diskussion. Marx sprach spürbar bewegt über die Tragweite der Befunde und darüber, wie sehr ihn das Thema persönlich geprägt hat. „Das hat mein Bild von Kirche tief verändert“, sagte er. Die Aufarbeitung sei niemals abgeschlossen, die Perspektive der Betroffenen müsse immer im Zentrum stehen. Zugleich verwies er auf Fortschritte der vergangenen 15 Jahre: unabhängige Gremien, jährliche Gedenkfeiern und klarere Strukturen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage nach Reformen und Synodalität. Kardinal Marx begrüßte ausdrücklich die Haltung des neuen Papstes Leo XIV., die Synodalität, die Franziskus begonnen hat, weiterzuführen. Und sich dabei gleichzeitig selbst treu zu bleiben: „Er ist er geblieben, ruhig, sachlich, zuhörend, aber auch klar in seiner Orientierung.
Natürlich ging es auch darum, wie zeitgemäß das Zölibat ist und ob eine Änderung in Sicht sei. Falsche Hoffnungen wollte Marx an dieser Stelle nicht machen. „Als Bischof kann ich den jungen Männern, die jetzt Priester werden wollen, nur ganz ehrlich sagen: Das ist die Regel. Ihr müsst euch darauf vorbereiten.“
Ob und wann Frauen in der katholischen Kirche Ämter übernehmen werden, blieb ebenfalls offen. Aber es scheint nicht hoffnungslos zu sein. „Die Argumente, die gegen eine Einbeziehung der Frauen in das kirchliche Weiheamt sprechen, sind doch im Laufe meines Lebens immer schwächer geworden“, so Marx.
Auch zu gesellschaftspolitischen Themen nahm Marx Stellung. Die weltpolitische Lage, geprägt von Kriegen, geopolitischen Verschiebungen und dem Wiedererstarken nationaler Interessen, bereite ihm große Sorge. Kritisch äußerte er sich zur aktuellen Klimapolitik: „Da waren wir manchmal schon weiter.“ Das Thema Migration sehe er dagegen nicht als Bedrohungsszenario, sondern als eine globale Realität: „Wir brauchen ja eine Einwanderung, wir brauchen eine Bevölkerungsentwicklung, die auch vielschichtig und vielfältig ist, das ist ja überhaupt keine Frage.“ Was man beachten müsse, ist, dass die Grenzen sicher seien, dass es faire Verfahren gebe und niemand zurückgeschickt wird in eine Situation, in der Leib und Leben bedroht seien. Das Verhalten der Politik, Migration als Problemthema darzustellen und Abschiebungen als politischen Erfolg zu inszenieren, verurteilte er.
Ein weiteres Thema war der Wandel der Kirche vor Ort angesichts sinkender Priesterzahlen. Marx warb für neue Leitungsmodelle, stärkere Einbindung von Laien und realistische Gebäudestrategien. Gleichzeitig hob er positive Entwicklungen hervor – etwa steigende Zahlen bei Erwachsenentaufen oder innovative Projekte wie der Bildungscampus in Traunstein oder die Wiederbelebung des Klosters Beuerberg. „Wir können nicht alle Institutionen, alle Häuser, alle Gebäude, vielleicht noch nicht einmal alle Kirchen weiter aufrechterhalten. Aber da, wo es Konzepte und zukunftsfähige Pläne gibt, wo Menschen brennen, müssen wir investieren.“
Trotz aller Krisen, Spannungen und persönlicher Belastungen blieb eine Haltung spürbar, die Marx immer wieder betont: die Hoffnung. Weihnachten ist ein Gegenzeichen gegen die Logik der Macht. Hoffnung sei kein naiver Optimismus, sondern eine Widerstandskraft gegen Zynismus und Resignation. Das Evangelium bleibt wichtig – gerade jetzt. Und Christen dürfen nicht nachlassen, davon zu erzählen.
