Podiumsdiskussion am 7.09.2026. Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – das Rekord-Oktoberfest.

Warum zieht das Oktoberfest Jahr für Jahr Millionen Menschen an? Was macht aus 16 Tagen Ausnahmezustand ein Stück Münchner Identität? Und wie viel Veränderung verträgt die Wiesn, ohne ihren Charakter zu verlieren? Im PresseClub München diskutierten Menschen darüber, die das größte Volksfest der Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen: Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn, Pfarrer und ehemaliger Wiesn-Kellner Rainer Maria Schießler, Wiesn-Bedienung Margarete Prijak, Wiesn-Stadträtin Anja Berger und Trachtler Michael Unruh vom Festring München. Moderiert wurde die Runde von PresseClub-Mitglied Manfred Otzelberger. Unter dem Motto „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung“ wurde schnell deutlich: Die Wiesn ist für diese Runde weit mehr als Bier, Geschäft und Besucherrekorde.

Wenn 7,4 Millionen Menschen auf die Theresienwiese kommen, liegt das Wort „Rekord“ nahe. Doch genau diesem Denken wollte die Runde im PresseClub München nicht verfallen. Die Wiesn müsse nicht jedes Jahr größer werden, lautete eine der zentralen Botschaften. Entscheidend sei vielmehr, ihren besonderen Charakter zu erhalten: als Volksfest, Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor, Begegnungsraum und ein Stück gelebter Münchner Kultur.

Anja Berger zog zunächst eine positive Bilanz. Trotz der enormen Besucherzahlen habe das Oktoberfest organisatorisch funktioniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das überarbeitete Sicherheits- und Crowdmanagement. Neue Kameras, verbesserte Abläufe und ein Sicherheitsraum hätten dazu beigetragen, auch große Besucherströme besser zu steuern. Gerade angesichts von zeitweise mehreren Hunderttausend Menschen auf dem Gelände sei dies eine enorme Leistung.

„Ich fand, dass es eine sehr, sehr schöne Wiesn war“, sagte Berger. Vor allem sei sie dankbar, „dass alle so zusammengearbeitet haben“. Absolute Sicherheit könne es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht geben. Dennoch habe sie die Wiesn als friedlich erlebt. „Die allermeisten Menschen haben sich sehr glücklich gefühlt. Die Lebensfreude war wieder auf dem Platz.“

Wie anstrengend diese Lebensfreude für diejenigen ist, die sie möglich machen, konnte Margarete Prijak aus eigener Erfahrung schildern. Seit 38 Jahren arbeitet sie auf der Wiesn. Körperlich geht das nicht spurlos an ihr vorbei. In diesem Jahr kam erschwerend ein gebrochener Mittelfuß hinzu. „Mein Kopf hat gesagt: Nein. Mein Herz hat gesagt: Ja“, beschrieb sie ihre Entscheidung, trotzdem wieder anzutreten. Nach 16 Tagen sei sie „sehr müde, sehr fertig“, zugleich aber glücklich: „Alles in allem war es wirklich eine wunderschöne Wiesn.“

Dass sie Jahr für Jahr zurückkehrt, liege keineswegs nur am Verdienst. Natürlich könne man in diesen 16 Tagen gutes Geld verdienen. Früher habe das Einkommen einer Wiesn-Saison schon einmal für ein Auto, Versicherungen oder größere Anschaffungen gereicht. Doch die eigentliche Motivation sei eine andere: „Das ist wie Heimkommen. Das ist Familie.“

Prijak beschrieb diesen Moment sehr anschaulich: Schon kurz vor der Eröffnung treffe man Kolleginnen und Kollegen, Geschäftsführer, Wirte und Bekannte wieder. Dazu kämen Stammgäste, die über Jahrzehnte zu Freunden geworden seien. Sie habe Hochzeiten erlebt und Menschen über viele Jahre begleitet. Die Wiesn sei deshalb „ein bisschen wie eine Klassenfahrt mit Arbeit“ – anstrengend, intensiv, aber getragen von einer außergewöhnlichen Gemeinschaft.

Ähnlich sieht es Rainer Maria Schießler. Münchens bekannter Pfarrer arbeitete zehn Jahre lang selbst als Bedienung auf dem Oktoberfest und kennt das Fest nicht nur aus dem Bierzeltbesuch. Die „Entzugserscheinungen“, scherzte er, seien bis heute vorhanden. Wenn er durch einen Biergarten gehe und einen Tisch sehe, der abgeräumt werden müsse, zucke es ihm noch immer in den Fingern. Der frühere Kellner stecke weiter in ihm.

Noch wichtiger seien jedoch die Beziehungen, die in dieser Zeit entstanden. Menschen, die er auf der Wiesn kennengelernt habe, habe er später getraut, begleitet oder beerdigt. Aus flüchtigen Begegnungen seien dauerhafte Bindungen entstanden.

Schießler widersprach deshalb auch der Vorstellung von der Wiesn als einer Art Ersatzreligion. Für ihn ist sie vielmehr eine Ergänzung zu etwas, das Religion ebenfalls vermitteln wolle: Lebensfreude und Gemeinschaft. „Der liebe Gott will, dass der Mensch glücklich ist. Er will, dass er feiern kann, er will, dass er das Leben genießen kann“, sagte der Pfarrer.

Dabei zog Schießler eine Verbindung zwischen religiöser Mahlgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen und Trinken auf dem Oktoberfest. In der Bibel spiele das gemeinsame Mahl immer wieder eine zentrale Rolle. „Ein Mahl ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ein Mahl ist Gemeinschaft“, formulierte er. Für ihn liegt darin ein wesentlicher Kern der Wiesn: Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Essen, Getränke und Freude.

Schießler wandte sich zugleich gegen den permanenten Rekordgedanken. Warum müsse nach einer erfolgreichen Wiesn sofort gefragt werden, wie sich die Besucherzahl noch steigern lasse? „Wir müssen keinen Rekord brechen.“ Viel wichtiger sei es, einen Erfolg auch einmal als solchen stehen zu lassen. Die Wiesn habe gezeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander feiern und arbeiten könnten. „Multikulti funktioniert“, brachte er es auf den Punkt.

Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn kann diesen Gemeinschaftsgedanken aus einer außergewöhnlich langen Perspektive bestätigen. 62 Jahre war er Wiesnwirt, in diesem Jahr erlebte er nach eigenen Angaben bereits seine 71. Wiesn. Für ihn steht fest: „Die Wiesn ist kein Oktoberfest, sondern ein Familienfest.“

Was er damit meint, zeigt sich für Hagn vor allem beim Personal. Viele Mitarbeiter blieben den Betrieben über Jahrzehnte treu. Manche Bedienungen arbeiteten 50 Jahre lang auf dem Fest, Schenken, Küchenchefs oder Bürokräfte über Jahrzehnte. Nach 16 Tagen schwörten zwar regelmäßig viele: „Nie wieder.“ Doch spätestens um Weihnachten kämen die ersten Grüße, und wenn im neuen Jahr die Verträge verschickt würden, wollten alle wissen, ob sie wieder dabei seien.

Einmal habe ein Computerproblem dazu geführt, dass nur ein Teil der Mitarbeiter seine Verträge erhielt. „Mein Telefon ist heiß gelaufen“, erinnerte sich Hagn. Sofort hätten sich die anderen gemeldet und gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Für Hagn ein Beleg dafür, dass die Wiesn als Arbeitsplatz anders funktioniere als die gewöhnliche Gastronomie.

Diese Verbundenheit übertrage sich auch auf die Gäste. Stammgäste kämen jedes Jahr wieder, Bedienungen kennen ihre Namen, Familiengeschichten und Gewohnheiten. Wer als Gast spüre, dass man sich an ihn erinnere, fühle sich nicht wie eine Nummer. „Der Gast ist König“, sagte Hagn sinngemäß – doch die Menschen, die ihn bedienen, gehören ebenso zum Erfolgsgeheimnis.

Auch Margarete Prijaks Familiengeschichte zeigt diese besondere Bindung. Bereits ihre Mutter arbeitete auf der Wiesn und blieb bis ins hohe Alter in der Gastronomie aktiv. Für die Mutter sei die Wiesn im Vergleich zur harten Saisonarbeit geradezu „Spielzeit“ gewesen. Prijak selbst sorgte sogar in ihren regulären Arbeitsverträgen dafür, dass ihr die 16 Tage Wiesn ermöglicht wurden. Eigentlich arbeitet sie im Büro – für die Wiesn aber wechselt sie jedes Jahr in eine völlig andere Welt.

Besonders wichtig ist ihr die soziale Durchmischung. Im Bierzelt sitze der Professor neben dem Handwerker, Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Einkommensgruppen und Ländern kämen miteinander ins Gespräch. Genau darin liege ein Kern der Münchner Biergarten- und Wiesnkultur: Man sitzt nebeneinander, redet miteinander und verbringt gemeinsam eine gute Zeit.

Doch die romantische Seite hat Grenzen. Prijak berichtete auch von Belästigungen, unerlaubten Berührungen und heimlichen Aufnahmen. Als erfahrene und selbstbewusste Bedienung könne sie sich zur Wehr setzen, sagte sie. Schwieriger sei es für junge und zierliche Kolleginnen. Wenn jemand Frauen ungefragt fotografiere oder ihnen unter den Rock filme, müsse eingegriffen werden.

Anja Berger wurde an dieser Stelle deutlich. Upskirting sei kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar. Sie bezeichnete solche Aufnahmen als „wirklich widerlich“. Zwar könnten Radlerhosen Frauen zusätzlichen Schutz bieten, doch Berger warnte davor, die Verantwortung auf die Opfer zu verlagern: „Eigentlich muss man auf die Täter schauen und sagen: Es geht nicht.“ Entscheidend seien Anzeigen, konsequentes Eingreifen und klare Regeln gegen unerlaubtes Fotografieren und Filmen.

Auch politische Konflikte hätten auf der Wiesn Grenzen. Gewalt, antisemitische Äußerungen oder aggressive politische Inszenierungen hätten dort nichts verloren, betonte Berger. Politischer Streit sei selbstverständlich erlaubt, körperliche Übergriffe oder menschenfeindliche Parolen dagegen nicht. Die Wiesn solle ein Ort bleiben, an dem Menschen unterschiedlichster Überzeugungen friedlich zusammenkommen.

Wie sehr die Wiesn inzwischen auch optisch Identität stiftet, machte Michael Unruh deutlich. Als langjähriger Trachtler und Präsidiumsmitglied des Festrings München kennt er die Unterschiede zwischen historisch gewachsener Tracht und dem, was heute vielfach als Wiesn-Outfit getragen wird. Für ihn ist die Entwicklung dennoch grundsätzlich erfreulich. Junge Menschen trügen wieder gerne Lederhose, Dirndl, Trachtenhemd oder Janker. Nicht alles entspreche einer traditionellen Vereinstracht, aber das müsse es auch nicht.

„Die jungen Leute fühlen sich darin wohl und zeigen das nach außen“, sagte Unruh. Tracht habe Symbolcharakter und vermittle Zugehörigkeit. Kritischer sieht er billige Plastik- und Fantasievarianten, bei denen Tradition nur noch zur Verkleidung werde. Entscheidend sei Authentizität.

Schießler nahm genau diesen Gedanken auf – obwohl er selbst keine Tracht trägt. Für ihn wäre es unehrlich, sich nur für einen Anlass in Lederhose zu werfen. „Es geht um Identität“, sagte er. Tracht sei dann glaubwürdig, wenn sich ein Mensch darin zuhause fühle. Er selbst empfinde das nicht so und bleibe deshalb bei seiner Kleidung. Authentizität sei wichtiger als Anpassung an eine vermeintliche Wiesn-Norm.

Unruh wiederum sieht in der Weitergabe von Tracht, Volksmusik und Brauchtum an die nächste Generation eine seiner wichtigsten Aufgaben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Trachtenbewegung. Wenn Kinder, die früher bei Veranstaltungen mitwirkten, heute selbst Verantwortung übernähmen, mache ihn das stolz. „Man hat etwas dafür geschaffen, dass es weitergeht.“

Besonders deutlich werde diese Verbindung von Tradition und Gegenwart auf der Oidn Wiesn. Für Unruh ist sie eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre: ruhiger, familienfreundlicher und stärker auf historische Formen des Volksfestes ausgerichtet. Auch hier zeigte die Diskussion jedoch, dass Tradition nicht Stillstand bedeuten kann. Zugangsregeln, Eintritt, digitale Tickets und Besucherführung müssen immer wieder angepasst werden.

Ohnehin sei die Fähigkeit zur Veränderung ein Wesensmerkmal der Wiesn, betonte Hagn. Wer das Oktoberfest der 1960er-Jahre mit dem heutigen Fest vergleiche, erkenne kaum dieselbe Veranstaltung wieder. Musik, Reservierungssysteme, Sicherheitsstandards und das Verhalten des Publikums hätten sich grundlegend gewandelt. Früher seien handfeste Schlägereien viel häufiger gewesen. Mit modernerer Musik und einer anderen Feierkultur hätten sich Aggressionen nach Hagns Beobachtung deutlich reduziert.

Genau deshalb wurde auch die Idee eines möglichen Kulturerbe-Status differenziert diskutiert. Einerseits erscheint die Wiesn mit ihrer Geschichte und weltweiten Ausstrahlung geradezu prädestiniert dafür. Andererseits warnte Hagn davor, das Fest einzufrieren. „Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Und die Wiesn verändert sich von selber. Immer wieder.“ Was heute neu sei, könne morgen bereits Tradition sein.

Auch Berger zeigte sich grundsätzlich offen, mahnte aber zur Vorsicht. Zunächst müsse genau geprüft werden, welche rechtlichen und organisatorischen Folgen ein solcher Status hätte. Die Wiesn lebe schließlich gerade davon, sich an neue gesellschaftliche, technische und sicherheitsrelevante Anforderungen anzupassen.

Wie eng Lebensfreude und Erinnerung auf dem Oktoberfest zusammengehören, zeigte der Rückblick auf das Oktoberfestattentat von 1980. Prijak schilderte sehr persönlich, wie knapp ihr Vater damals dem Anschlag entging. Bis heute versuche sie deshalb, während der Wiesn bewusst am Mahnmal vorbeizugehen. „Ich bin bis heute sehr, sehr dankbar, weil mein Papa keine fünf Minuten früher dran war.“

Hagn erinnerte sich ebenfalls an die bedrückende Stimmung nach dem Anschlag und an die Frage, ob und wie das Oktoberfest weitergehen könne. Der Trauertag auf der Theresienwiese sei gespenstisch gewesen. Gerade diese Erfahrungen zeigten, wie verletzlich ein Fest sei, das von Offenheit und Unbeschwertheit lebe.

Schießler brachte die dahinterliegende Frage auf den Punkt: Terror wolle die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern. Deshalb brauche es beides – das würdige Gedenken an die Opfer und zugleich die Entschlossenheit, sich die Lebensfreude nicht nehmen zu lassen. Hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren, wohl aber „hundertprozentiges Engagement für die größtmögliche Sicherheit“.

Wie aufwendig dieses Engagement ist, schilderte Hagn anhand der Sicherheitsmaßnahmen in den Zelten. Feuerlöscher, Behälter, Fluchtwege, Lieferungen und Lagerräume würden ständig kontrolliert. Personal werde für Bedrohungslagen geschult. Sicherheit auf der Wiesn sei nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzepts, sondern tägliche Detailarbeit.

Gleichzeitig bleibt das Oktoberfest ein internationales Fest. Rund 13.000 Menschen arbeiten nach Bergers Angaben dort, viele mit ausländischen Wurzeln oder aus anderen Ländern. Ohne diese Beschäftigten wäre die Wiesn in ihrer heutigen Größe kaum denkbar. Für Berger ist sie deshalb auch ein Beispiel dafür, dass Vielfalt im Alltag funktionieren kann: „Alle feiern zusammen, unabhängig von den Unterschieden.“ Herkunft und gesellschaftlicher Status träten für einige Stunden in den Hintergrund.

Diese Internationalität kennt Hagn seit Jahrzehnten. Besonders eindrucksvoll erzählte er von seinen Kontakten nach Moskau, wo er über zwölf Jahre an einem Bierfest beteiligt war und den damaligen Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow kennenlernte. Hagn half unter anderem dabei, das zeremonielle Anzapfen nach Münchner Vorbild zu etablieren. Daraus entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften, die weit über die Gastronomie hinausgingen. Angesichts der heutigen politischen Situation wirken diese Erinnerungen wie Zeugnisse einer anderen Epoche.

Auch die Frage nach der Größe der Wiesn beschäftigte das Publikum im PresseClub. Gibt es irgendwann eine Grenze? Könnten acht oder neun Millionen Besucher eines Tages Zugangsbeschränkungen notwendig machen? Berger hält davon wenig. Trotz des Rekords habe sich das Gelände keineswegs permanent überfüllt angefühlt. Das neue Crowdmanagement habe funktioniert. „Ich sehe keinen Bedarf an einer Obergrenze“, sagte sie. Vor allem wolle sie nicht ständig über neue Rekorde sprechen. Die Wiesn müsse nicht immer größer werden.

Ähnlich kontrovers wurde über Blogger, Influencer und Livestreamer diskutiert. Berger machte deutlich, dass neue Medien selbstverständlich zur modernen Wiesn-Berichterstattung gehören. Gleichzeitig müsse unterschieden werden zwischen journalistischer Berichterstattung und kommerziellen Angeboten, mit denen auf dem Festgelände Geld verdient werde. Wo kommerzielle Nutzung stattfinde, seien Regeln und gegebenenfalls Lizenzgebühren nachvollziehbar. Ausgrenzen dürfe man neue Medien deshalb aber nicht: „Es ist wichtig, dass man alle Medien bedient.“

Am Ende der Diskussion stand damit weniger die Frage nach Besucherzahlen, Bierpreisen oder Rekorden als die nach dem eigentlichen Wesen des Oktoberfestes. Die Antwort fiel erstaunlich einheitlich aus. Für die Menschen auf dem Podium ist die Wiesn vor allem Begegnung. Sie funktioniert, weil Menschen für eine begrenzte Zeit bereit sind, miteinander zu arbeiten, zu feiern, zu essen, zu trinken, zu lachen – und manchmal auch füreinander einzustehen.

Die Wiesn ist dabei keineswegs eine heile Welt. Es gibt Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, politische Provokationen, Sicherheitsrisiken und die Gefahr einer übermäßigen Kommerzialisierung. Doch gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur das Postkartenbild des Oktoberfestes zu pflegen. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört auch die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und das Fest weiterzuentwickeln.

Vielleicht erklärt genau das seine außergewöhnliche Widerstandskraft. Die Wiesn ist nicht deshalb Tradition, weil sie unverändert geblieben wäre. Sie ist Tradition, weil sie sich verändert hat, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren.

Diesen Kern beschrieb zum Abschluss ausgerechnet ein poetischer Text aus der Familie von Margarete Prijak. Darin geht es um das erste Maß, den kalten Krug in den Händen, das goldene Bier, die Schaumkrone und den ersten Schluck. Doch der entscheidende Moment folgt danach: Man setzt den Krug ab und schaut sich um. Die Menschen lachen, sie sind glücklich, für diesen Augenblick scheint alles zu stimmen.

„Das ist die Wiesn. Das ist Glück.“

Nach fast zwei Stunden Diskussion im PresseClub München ließ sich das Ergebnis kaum treffender zusammenfassen. Nach der Wiesn ist tatsächlich vor der Wiesn. Nicht, weil schon wieder der nächste Besucherrekord vorbereitet werden müsste, sondern weil für viele der Beteiligten das Oktoberfest nicht mit dem letzten ausgeschenkten Maß endet. Es lebt in Freundschaften, Familiengeschichten, Erinnerungen und Ritualen weiter – bis im kommenden Jahr wieder jener Moment kommt, an dem aus einer großen, leeren Festwiese für 16 Tage eine eigene kleine Welt wird.

Video von Matthias J. Lange:

Text, Fotos und Video: Matthias J. Lange

Zwischen Linksrutsch und Rechtsruck: Wie viel politische Mitte bleibt?

Manfred Otzelberger (v.l.n.r.) moderierte die Nachwahl-Runde mit dem stellvertretenden Chefredakteur der SZ, Roman Deininger, Ex-BR-Chefredakteur, Sigmund Gottlieb, „Omas gegen Rechts“-Vertretzerin Elisabeth Redler und Fred Langhammer, dem Vorsitzenden für globale Angelegenheiten beim US-Beauty-Konzern Estée Lauder.

Die politischen Ränder gewinnen an Kraft, traditionelle Mehrheiten werden schwieriger und das Vertrauen in Parteien, Medien und Institutionen steht unter Druck. Im PresseClub München diskutierten Roman Deininger, Sigmund Gottlieb, Elisabeth Redler und Fred Langhammer über die Folgen der jüngsten Landtagswahlen, die Verantwortung der politischen Mitte und die Frage, wie sich eine demokratische Gesellschaft gegen Radikalisierung behaupten kann. Die Diskussion leitete Manfred Otzelberger vom PresseClub München.

„Die Mitte ist das Beste“ – mit diesem Wahlkampfslogan eröffnete Manfred Otzelberger eine Diskussion, die schnell deutlich machte, wie wenig selbstverständlich die politische Mitte inzwischen geworden ist. Wahlerfolge an den politischen Rändern, Frustration über Regierungspolitik, eine zunehmend polarisierte Öffentlichkeit und die Macht der sozialen Medien verändern die politische Landschaft.

Für Roman Deininger, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, ist die Entwicklung auch eine Mahnung an die etablierten Parteien. „Die Mitte im Kampf gegen die Extreme, vor allem gegen die extreme Rechte, hat ein Stück weit versagt“, sagte er. Nicht aus bösem Willen, sondern aus „Trägheit“ und einer mangelnden Fähigkeit, flexibel auf die veränderten politischen Verhältnisse zu reagieren.

Bei seinen Reisen durch Wahlkampfgebiete habe er zugleich etwas anderes wahrgenommen: „Die Leute dürsten nach einer positiven Vision, die dürsten nach guter Laune.“ Genau hier sieht Deininger eine zentrale Aufgabe für die demokratischen Parteien. Politik müsse nicht nur Probleme beschreiben, sondern auch vermitteln, wofür sich Veränderungen lohnen.

Kompromisse sind kein Verrat

Ein Kernproblem sieht Deininger darin, dass politische Kompromisse zunehmend als Schwäche wahrgenommen würden. In einem Parteiensystem, in dem einfache Mehrheiten schwieriger werden, müssten jedoch unterschiedliche politische Lager miteinander arbeiten.

„Schmerzhafte Kompromisse sind nötig“, sagte Deininger. „Diese Kompromisse sind kein Verrat an Prinzipien, sondern politische Praxis, gelebte Demokratie.“

Gleichzeitig warnte er davor, auf schlechte Wahlergebnisse mit einem sofortigen Rückzug von Reformvorhaben zu reagieren. Eine Regierung müsse bereit sein, notwendige Entscheidungen auch dann durchzuhalten, wenn diese kurzfristig unpopulär seien.

Deininger schilderte zudem seine Erfahrungen als Reporter auf AfD-Veranstaltungen. Journalisten würden dort teilweise angepöbelt oder als „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ beschimpft. Die Bedingungen für Berichterstattung seien mitunter bewusst schwierig. Zugleich betonte er, dass es auch Gegenbeispiele gebe und einzelne AfD-Vertreter durchaus den Kontakt zu Medien suchten.

Problematisch sei vor allem eine Entwicklung, bei der parteinahe oder alternative Medienangebote gerade deshalb als glaubwürdig angesehen würden, weil sie sich offen auf die Seite einer politischen Kraft stellten. „Das Bewusstsein fehlt, dass ein mittlerer Grund, auf dem wir uns alle treffen, auf dem wir zivilisiert reden müssen, inzwischen am Erodieren ist.“

Sigmund Gottlieb: Die Mitte ist massiv geschrumpft

Deutlich besorgt zeigte sich auch Sigmund Gottlieb, ehemaliger Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens. Er erinnerte daran, wie breit die politische Mitte in früheren Jahrzehnten gewesen sei.

„Ich leide schon beträchtlich unter diesen Wahlergebnissen“, sagte Gottlieb. Die Mitte sei gegenüber den 1970er- und 1980er-Jahren „massiv geschrumpft“, wodurch Regierungsbildungen schwieriger würden.

Seine Kritik richtete Gottlieb sowohl gegen rechtsextreme als auch gegen linksextreme Entwicklungen, wobei er ausdrücklich zwischen den politischen Lagern und ihren jeweiligen demokratischen und extremistischen Strömungen unterschied. Besonders beunruhige ihn, dass radikale Positionen zunehmend als normal wahrgenommen würden.

Gleichzeitig warnte der frühere BR-Chefredakteur davor, Deutschland ausschließlich als Krisenfall zu beschreiben. Genau dagegen richte sich sein Buch „Cooles Land, trotz allem“.

Deutschland verfüge über eine starke Zivilgesellschaft, erfolgreiche Familienunternehmen, ein international anerkanntes duales Ausbildungssystem und eine lebendige Gründerszene. „27 Millionen Menschen sind hier in diesem Land im Ehrenamt tätig“, hob Gottlieb hervor. Deutschland sei eine „engagierte, starke Gesellschaft“.

Seine Kritik gilt deshalb auch der öffentlichen Wahrnehmung: „Wir haben über viele Jahre nur die eine Hälfte der Wahrheit, den Pessimismus, in den Vordergrund gestellt.“ Dauerndes Jammern und Schlechtreden könne politische Resignation verstärken.

Welche Verantwortung tragen die Medien?

Damit war die Diskussion bei einer unbequemen Frage für einen PresseClub angekommen: Tragen Medien selbst zur politischen Polarisierung bei?

Gottlieb sieht durchaus eine Mitverantwortung. Konflikt, Krise und Zuspitzung gehörten zwar seit jeher zum Nachrichtengeschäft. Inzwischen habe sich die negative Erzählung jedoch teilweise zu einem Geschäftsmodell entwickelt.

Deininger widersprach dem nicht grundsätzlich, setzte aber einen anderen Schwerpunkt. Journalismus müsse dort hinschauen, „wo es knirscht“. Kritische Berichterstattung sei keine Fehlentwicklung, sondern eine wesentliche Aufgabe der Presse.

Entscheidend sei die Art, wie Journalisten damit umgehen. „Wir müssen uns um Nüchternheit bemühen“, sagte Deininger. Medien dürften die Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen nicht auf einfache Parolen reduzieren.

Als journalistisches Leitbild nannte er die Suche nach der „best obtainable version of the truth“ – der bestmöglichen erreichbaren Version der Wahrheit. Gerade darin liege die Stärke professionellen Journalismus: Er müsse Zweifel zulassen, recherchieren, differenzieren und sich der Wirklichkeit möglichst genau annähern.

„Mehr Empathie, mehr Verständnis, mehr Einfühlen, mehr Differenzierung – das ist der Beitrag, den wir leisten können.“

„Omas gegen Rechts“: Engagement für die Demokratie

Eine andere Perspektive brachte Elisabeth Redler, Mitbegründerin der Münchner Ortsgruppe der „Omas gegen Rechts“, in die Runde. Sie schilderte, wie aus einer kleinen Gruppe von zunächst zwölf bis 15 Frauen eine deutlich größere Initiative entstand.

„Viele ältere Frauen wollen gar nicht alt genannt werden und auch nicht Omas“, sagte Redler mit einem Lächeln. „Wir sind fähig zur Selbstironie.“

Der Name sei inzwischen eine Marke. Dabei richte sich die Initiative nach Redlers Darstellung nicht gegen konservative oder bürgerliche Parteien. „Es geht uns um die Verteidigung der Demokratie, und das Grundgesetz gibt uns die Richtschnur.“

Mit „rechts“ meine die Initiative rechtsextreme, antidemokratische, menschenverachtende und autoritäre Positionen. Gleichzeitig positioniere man sich gegen Antisemitismus und politische Gewalt unabhängig davon, aus welchem politischen Lager sie kämen.

Besonders wichtig sei den Münchner „Omas gegen Rechts“ inzwischen die Arbeit mit jungen Menschen. „Die haben keine Zukunftserzählung, die irgendwie ermutigend ist“, sagte Redler. Junge Menschen hörten von Klimakrise, Wirtschaftskrise, Kriegen und politischen Konflikten – aber zu selten davon, was sie selbst gestalten könnten.

Deshalb suche die Gruppe verstärkt den Kontakt zu Schulen und Jugendzentren. „Wir fühlen uns als Lobby auch für die jungen Leute.“

Ein Parteiverbot als Mittel der wehrhaften Demokratie?

Kontrovers wurde die Frage diskutiert, ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD angestrebt werden sollte. Redler machte deutlich, dass sich die „Omas gegen Rechts“ an Demonstrationen beteiligen, die eine entsprechende Prüfung fordern.

„Es ist eine Möglichkeit, die für die wehrhafte Demokratie im Grundgesetz vorgesehen ist“, erklärte sie. Gleichzeitig kenne ihre Initiative die Gegenargumente und das Risiko, dass ein gescheitertes Verfahren die AfD politisch stärken könnte.

Auch Deininger sprach sich dafür aus, die rechtlichen Möglichkeiten sorgfältig zu prüfen, warnte aber vor einem Parteiverbotsverfahren als Ersatz für politische Auseinandersetzung.

„Was nicht passieren darf, ist, dass ein Verbotsverfahren von politischen Kräften als Ersatz für eigene Politik kommt.“

Gottlieb äußerte ähnliche Vorbehalte. Eine juristische Prüfung könne sinnvoll sein, dürfe die Politik aber nicht davon entbinden, selbst Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu entwickeln.

Die Brandmauer allein reicht nicht

Fred Langhammer, Chairman Global Affairs von The Estée Lauder Companies und langjähriger Kenner der USA, brachte die internationale Perspektive ein. Er lebt seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten und sieht sowohl das amerikanische als auch das deutsche politische System kritisch.

Beim Umgang mit der AfD hält Langhammer die permanente Diskussion über eine „Brandmauer“ für unzureichend. Stattdessen müsse viel stärker erklärt werden, welche konkreten politischen und wirtschaftlichen Folgen die Umsetzung von AfD-Positionen hätte.

„Man muss erklären, was die AfD überhaupt vorhat und was die Konsequenzen sind“, forderte Langhammer.

Seine Kritik richtete sich dabei auch an Friedrich Merz, mit dem Langhammer nach eigener Aussage befreundet ist. Merz sei „ein sehr intelligenter Mann“, habe aber Schwierigkeiten, seine Politik so zu vermitteln, dass sie bei den Menschen ankomme.

Langhammer zog immer wieder Parallelen zu den USA und Donald Trump. Einige wirtschaftspolitische Entscheidungen Trumps bewertet er positiv, mit dessen politischem Stil geht er dagegen hart ins Gericht. Die Art seines Auftretens könne er „überhaupt nicht vertragen“. Seine abschließende Bewertung war unmissverständlich: „Aus meiner Sicht ist es eine Schande für Amerika.“

Radikalisierung im digitalen Raum

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf jungen Wählerinnen und Wählern. Dass jüngere Menschen besonders offen für Parteien an den politischen Rändern sein können, erklärte Deininger unter anderem mit der veränderten Mediennutzung.

Dabei seien politische Präferenzen junger Generationen keineswegs dauerhaft festgelegt. Noch vor wenigen Jahren hätten andere Parteien bei Erstwählern stark abgeschnitten. Das zeige, wie volatil diese Gruppe sei.

Entscheidend sei deshalb der digitale Raum. Desinformation, verkürzte Botschaften und emotionalisierte Inhalte hätten dort eine enorme Reichweite. „Wenn es darum geht, warum die Jungen so offen für die AfD sind, dann hat das natürlich schon mit dieser Dauerberieselung durch Lügen oder zumindest verzerrte Wahrheiten zu tun“, sagte Deininger.

Medienkompetenz, politische Bildung und die Fähigkeit, Quellen kritisch zu beurteilen, würden damit zu zentralen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.

Die Mitte braucht mehr als Abgrenzung

Trotz unterschiedlicher politischer Ausgangspunkte zeigte sich in der Runde eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Abgrenzung allein wird die politische Mitte nicht stärken.

Gute Regierungsarbeit, nachvollziehbare Reformen, eine verständliche Kommunikation und ein ernsthafter Umgang mit den Sorgen der Bevölkerung wurden immer wieder als Voraussetzungen genannt. Deininger forderte dabei von den Parteien eine größere Bereitschaft zur Differenzierung. Bei der Migration etwa müsse die demokratische Mitte sowohl über die Notwendigkeit von Zuwanderung und Integration als auch über Steuerung und Begrenzung sprechen können.

Zugleich dürfe der demokratische Diskurs nicht immer enger werden. „Mitte rechts und Mitte links ist immer noch, wie es ist“, sagte Deininger. Unterschiedliche politische Überzeugungen gehörten zur Demokratie.

Redler setzt dagegen vor allem auf gesellschaftliches Engagement. Menschen müssten wieder erfahren, dass Demokratie nicht nur etwas sei, das Regierungen, Parlamente und Parteien organisierten. Jeder Einzelne trage Verantwortung.

Und Gottlieb plädierte dafür, trotz aller Probleme nicht die Stärken des Landes aus dem Blick zu verlieren. Eine Gesellschaft, die sich permanent selbst ihren Niedergang erzähle, verliere irgendwann auch den Glauben daran, ihre Probleme lösen zu können.

Verantwortung endet nicht in der Wahlkabine

Zum Schluss stellte Otzelberger eine bewusst provokante Frage: Haben die Wähler eigentlich immer recht?

Deiningers Antwort fiel eindeutig aus: „Das Volk hat nicht immer Recht.“ Auch Bürgerinnen und Bürger müssten Verantwortung dafür übernehmen, wem sie ihre Stimme geben und welche politischen Konsequenzen damit verbunden seien.

Damit schloss sich der Kreis der Diskussion. Denn die Frage, ob die politische Mitte „noch zu retten“ sei, wurde an diesem Abend nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet. Die Runde beschrieb vielmehr eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Medien und Zivilgesellschaft – und nicht zuletzt der Wählerinnen und Wähler selbst.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft des Abends im PresseClub München: Demokratie ist keine Dienstleistung, die man bei Parteien bestellt und bei Unzufriedenheit reklamiert. Sie lebt vom Streit, vom Kompromiss, von einer freien Presse, von politischer Bildung und vom Engagement der Bürger.

Oder, wie es Deininger formulierte: „Jeder an seinem Platz, jeder in seiner Rolle – dann kann es auch besser werden.“

Video von Matthias J. Lange:

Text, Fotos und Video: Matthias J. Lange

Christian Ude: Kultur als zweite Bühne

Wie Münchens Alt-Oberbürgermeister mit der Kammerphilharmonie dacapo Menschen zusammenbringt

v.l.n.r.: Frühere Oberbürgermeister von München, Christian Ude, Dirigent Franz Schottky, Moderator und Vorsitzender, Dr. Uwe Brückner.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Herkulessaal der Münchner Residenz für Christian Ude einmal zu einem Lieblingsort werden würde? Als junger Mann empfand er die Konzertbesuche, zu denen ihn seine Familie mit Zehnerkarten verpflichtete, noch als Zumutung. Heute ist Münchens Alt-Oberbürgermeister Präsident des Freundeskreises der Münchner Kammerphilharmonie dacapo und hat in der Musik eine neue Leidenschaft gefunden.

Wie es dazu kam und welche gesellschaftliche Kraft Kultur entfalten kann, darüber sprach Ude im PresseClub München mit Maestro Franz Schottky, Gründer, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orchesters. Durch das Gespräch unter dem Motto „Leben nach der Politik – Kultur als zweite Bühne“ führten Presseclub-Vorsitzender Dr. Uwe Brückner und Anne-Marie von Hassel.

Vom politischen Schlagabtausch zum musikalischen Miteinander

Ude schilderte mit viel Selbstironie, wie sehr sich seine Interessen verändert haben. Während ihn politische Veranstaltungen heute häufig ernüchterten, habe er bei dacapo etwas entdeckt, das ihn aufbaue: Musik, Begegnungen und Menschen, die eine gemeinsame Begeisterung teilen. Seine musikalische Karriere sei allerdings überschaubar geblieben. Immerhin durfte er einst mit dem Ensemble „Blechschaden“ auf Konzertreise gehen – als Triangelspieler, eigens geschult für den entscheidenden Schlag am Ende eines Stücks.

Bei dacapo bringt Ude deshalb weniger seine musikalischen als seine kommunikativen Fähigkeiten ein. Mit der Veranstaltungsreihe „Musik im Gespräch“ schafft der Freundeskreis Gelegenheiten, Künstler persönlich kennenzulernen und Hintergründe ihrer Arbeit zu erfahren. Ob Gespräche mit Solisten, Einblicke in die Aufgaben eines Dirigenten oder Begegnungen mit dem Geigenbauer Martin Schleske: Hier soll Musik auch Menschen zugänglich werden, die keine ausgewiesenen Kenner sind.

Von Oberhaching auf Europas Konzertbühnen

Die Geschichte der Münchner Kammerphilharmonie dacapo begann im Jahr 2000 in Oberhaching. Franz Schottky, einer der letzten Schüler Sergiu Celibidaches, gründete dort die „Symphonische Werkstatt Oberhaching“. Mit Aushängen beim Bäcker und Metzger suchte er damals Menschen, die gemeinsam musizieren wollten.

Aus dem zunächst gemischten Ensemble aus Amateuren, Nachwuchstalenten und erfahrenen Musikern entwickelte sich Schritt für Schritt ein professionelles Orchester. Einen Meilenstein markierte 2012 ein Konzert zum 100. Geburtstag Celibidaches im Herkulessaal. Inzwischen gastiert dacapo auch international, unter anderem beim Ljubljana Festival und im Wiener Musikverein.

Bemerkenswert ist dabei die wirtschaftliche Entwicklung. Das privat getragene Orchester finanziert nach Angaben Schottkys rund 55 Prozent seiner Ausgaben über Eintrittskarten. Hinzu kommen Sponsoren, Stiftungen, öffentliche Fördermittel und private Spenden. Der Freundeskreis übernimmt damit eine wichtige Funktion, die weit über finanzielle Unterstützung hinausreicht.

Kultur schafft Gemeinschaft

Seit der Saison 2015/16 bilden die Sonntagsmatinéen im Herkulessaal einen festen Bestandteil des Münchner Musiklebens. Dabei endet das gemeinsame Erlebnis nicht mit dem Schlussapplaus. Nach den Konzerten treffen sich Mitglieder des Freundeskreises und Gäste häufig an großen Tischen zum Austausch. Neue Besucher finden schnell Anschluss.

Gerade darin sieht Ude einen besonderen gesellschaftlichen Wert. Angesichts zunehmender Polarisierung und verhärteter politischer Auseinandersetzungen brauche es Orte, an denen Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen zusammenkommen können.

Als Beispiel für einen solchen Umgang erinnerte er an seine jahrzehntelangen politischen Auseinandersetzungen mit Peter Gauweiler. Trotz aller Gegensätze hätten beide anschließend fünf gemeinsame Bücher veröffentlicht. Unterschiedliche politische Überzeugungen dürften den menschlichen Umgang nicht ausschließen.

Schottky unterstrich die verbindende Kraft der Musik. Im Orchester spielten beispielsweise ukrainische und russische Musiker selbstverständlich miteinander. Das gemeinsame Musizieren stehe im Vordergrund, nicht die Vermittlung einer politischen Botschaft.

Neue Saison beginnt im Oktober

Am 11. Oktober 2026 startet die Münchner Kammerphilharmonie dacapo um 11 Uhr mit der „Matinée der Virtuosen – Russlands Seelenklang“ in die neue Saison. Auf dem Programm stehen Werke von Rubinstein, Rachmaninow, Mendelssohn, Scriabin und Schostakowitsch. Solistin ist die Geigerin Ilona Cudek.

Weitere musikalische Stationen führen nach Finnland und Österreich. Die Konzertreihe „Wege zur europäischen Romantik“ verbindet dabei bekannte Meisterwerke mit seltener gespielten Kompositionen.

Für Christian Ude ist die Musik längst mehr als eine angenehme Freizeitbeschäftigung. Sie bietet ihm eine neue Bühne, auf der er seine Erfahrungen als Kommunalpolitiker, Netzwerker und Gesprächspartner einbringen kann. Und sie zeigt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein in politischen Debatten entsteht, sondern ebenso dort, wo Menschen gemeinsam zuhören, miteinander sprechen und Freude teilen.

Weitere Informationen und Konzertprogramm: www.kammerdacapo.de

Text: Anne-Marie von Hassel
Fotos: Susanne Himmelsbach

Bier- und-Oktoberfestmuseum

Bier- und Oktoberfestmuseum in München

Zur Einstimmung auf das diesjährige Oktoberfest haben sich am Donnerstag, 17.9.26, Mitglieder des PresseClubs zu einem höchst informativen wie vergnüglichen Besuch des Münchner Bier- und Oktoberfestmuseums in der Sterneckstraße getroffen – ein Ort, den selbst so mancher eingefleischte Ortskundige bislang noch nicht kannte.

Unter sachkundiger Führung von Wolfgang Ohlert und Martin Schega schlängelten sich die Besucher die steilen Stiegen hinauf, durch schmale Räumlichkeiten und enge Zimmer, die reichlich Anschauungsmaterial zu so ziemlich allen Aspekten des Brauereiwesens und der Wiesn im Besonderen boten.

Bei der anschließenden Verkostung der sechs diesjährigen Oktoberfestbiere nebst Brotzeit im dazugehörigen zünftigen Wirtshaus konnten alle wieder zu Kräften kommen und sich lebhaft über die neugewonnenen Erkenntnisse austauschen.

Unser ganz herzlicher Dank gilt unseren beiden Führern: unserem Mitglied Wolfgang Ohlert und dem Gästeführer Martin Schega. Beide haben uns dieses Museum und die Themen dahinter ganz wunderbar lebendig erleben lassen!

Durch die Moderation von Wolfgang Ohlert, der die Bierverkostung begleitete, haben wir überdies ganz viel über Bier, Alkoholprozente, Farbe und geschmackliche Besonderheiten gelernt. Welcher Gerstensaft der Favorit war – diese Frage blieb jedem zur persönlichen Beantwortung überlassen.

Bericht von Matthias J. Lange:

Text zur Exkursion (68,8 KiB)

Video von Matthias J. Lange:

Text: Hildegard Tröger
Fotos und Video: Matthias J. Lange

Demokratie braucht Haltung – und eine Gesellschaft, die auf Krisen vorbereitet ist

Wie widerstandsfähig ist unsere Gesellschaft, wenn Strom, Kommunikation oder andere Teile der kritischen Infrastruktur ausfallen? Wie gut sind Polizei, Hilfsorganisationen und Versorgungsunternehmen auf neue Bedrohungen vorbereitet? Und welche Verantwortung trägt dabei jeder Einzelne? Am Tag der Demokratie diskutierte der PresseClub München auf Einladung seines Fördervereins über eine Frage, die angesichts von Cyberangriffen, Sabotage, Extremwetterereignissen und hybriden Bedrohungen zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie resilient ist unsere Gesellschaft?

Hier die Aufzeichnung des Gesprächs:

Christina Kahlert, die den Förderverein des PresseClubs München gegründet hat, machte bereits bei der Begrüßung deutlich, dass der Abend Auftakt für mehr sein soll. „Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute hoffentlich eine Serie von Veranstaltungen starten unter dem Motto ‚Demokratie braucht Haltung‘“, sagte sie. Das könne man „in diesen Zeiten nicht genug diskutieren“.

Die Moderation übernahm der Vorsitzende des PresseClubs München, Dr. Uwe Brückner. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Bereiche der Sicherheitsarchitektur und Daseinsvorsorge: Magdalena Strzedulla vom Technischen Hilfswerk, Polizeidirektorin Daniela Hand vom Polizeipräsidium München, Hannes Lindhuber von den Stadtwerken München sowie Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen (BayZBE).

Schnell wurde deutlich: Resilienz beginnt nicht erst in dem Augenblick, in dem eine Katastrophe eingetreten ist. Sie muss lange vorher aufgebaut werden.

Für Magdalena Strzedulla ist dabei das Ehrenamt eine tragende Säule. Allein der THW-Landesverband Bayern umfasst 111 Ortsverbände. Die Helferinnen und Helfer werden für unterschiedlichste Aufgaben ausgebildet – von Elektroversorgung bis zu hoch spezialisierten Einsatzbereichen. Und sie alle engagieren sich neben Beruf und Privatleben. „Das basiert alles bei uns auf Ehrenamt“, betonte Strzedulla.

Ein ganzheitlicher Bevölkerungsschutz müsse deshalb früher einsetzen als bei der Alarmierung der Einsatzkräfte. „Wir können nicht erst mit entsprechender Vorbereitung starten, wenn eine Krise da ist beziehungsweise wenn wir in einen Einsatz gerufen werden“, sagte sie. Einsatzorganisationen müssten ihre Helfer vorbereiten, zugleich aber auch die Bevölkerung stärker einbeziehen.

Damit verändert sich ein lange vertrautes Bild des Katastrophenschutzes. Die Vorstellung, im Ernstfall würden professionelle und ehrenamtliche Einsatzkräfte kommen und sämtliche Probleme lösen, stößt gerade bei großen und lang anhaltenden Krisen an Grenzen. „Man muss sich ein Stück weit verabschieden von diesem Gedanken, dass nur Einsatzorganisationen entsprechend die Lage unterstützen und helfen“, sagte Strzedulla. Die vorhandenen Ressourcen seien begrenzt und müssten dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht würden.

Polizeidirektorin Daniela Hand setzte an einem anderen Punkt an: bei Freiheit und Verantwortung. Eine demokratische Gesellschaft sei nichts Selbstverständliches und auch nichts, was unabhängig vom Verhalten ihrer Mitglieder existiere. „Jeder Einzelne von uns ist Bestandteil der Gesellschaft, und insofern prägen wir auch die Gesellschaft ganz extrem mit.“

Freiheit dürfe dabei nicht mit Rücksichtslosigkeit verwechselt werden. Hand sprach von einem teilweise „missverstandenen Freiheitsgedanken“. Wer Freiheit ausschließlich als Anspruch verstehe, selbst zuerst durch die Tür zu gehen, ohne die Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere zu berücksichtigen, verkenne ihren gesellschaftlichen Charakter.

Das zeigt sich aus Sicht der erfahrenen Polizeibeamtin auch im Alltag. Bei Polizeieinsätzen werde gefilmt und beobachtet, gleichzeitig fehlten anschließend nicht selten Zeugen. Hand formulierte es drastisch: Viele Menschen könnten ihr Smartphone auf ein Ereignis richten und Aufnahmen verbreiten – „aber der Polizei als Zeuge zur Verfügung stehen, damit dann mein Mitbürger, meine Mitbürgerin zu ihrem Recht kommen kann, das ist dann schon wieder eine ganz schwierige Nummer“.

Dabei sei die Schwelle zum Helfen denkbar niedrig. Niemand solle sich selbst in Gefahr bringen. „Aber das, was jeder von uns kann, ist, dass er Hilfe holt. Super einfach: 110.“

Für Hand beginnt Resilienz ohnehin im Kleinen. Wer nicht darüber nachdenke, welche persönlichen Daten er im Internet preisgibt, wie er nach einer Feier sicher nach Hause kommt oder welche alltäglichen Gefahren entstehen können, werde sich auch mit großen Krisen schwerer tun. „Wenn ich im Kleinen nicht in der Lage bin zu bedenken, was könnte sein, und keinen Plan B habe, dann bin ich es auch in großen Situationen eher nicht.“

Dass innere Sicherheit unmittelbar mit funktionierender Infrastruktur verbunden ist, machte Hannes Lindhuber deutlich. Die Stadtwerke München stehen für Strom, Wärme, Gas und Wasser, aber ebenso für Telekommunikation, öffentlichen Nahverkehr und Ladeinfrastruktur. Damit betreiben sie wesentliche Lebensadern der Stadt.

Ein wichtiges Prinzip sei Redundanz. Das sogenannte N-1-Prinzip soll dafür sorgen, dass eine zentrale Infrastrukturkomponente ausfallen kann, ohne dass dadurch das gesamte System zusammenbricht. Hinzu kommen kleinteilige Netzstrukturen und zahlreiche Querverbindungen.

Interessant war Lindhubers Hinweis auf die Energiewende. Eine stärker dezentrale und regionale Erzeugung erneuerbarer Energie könne auch die Widerstandsfähigkeit erhöhen: Die Versorgung verteile sich auf mehr Erzeugungsanlagen und werde dadurch weniger abhängig von einzelnen großen Kraftwerken.

Gleichzeitig warnte Lindhuber davor, Sicherheit vor allem über zusätzliche Bürokratie herstellen zu wollen. Europäische und nationale Regelwerke zur Cyber- und Infrastruktursicherheit verfolgten zwar die richtigen Ziele, doch aus Sicht eines Betreibers fließe zu viel Kraft in Dokumentations- und Nachweispflichten. „Eigentlich wird versucht, Sicherheit durch Akten zu schaffen und nicht durch wirksame Maßnahmen.“

Hinzu kommt ein Dilemma zwischen Transparenz und Sicherheit. Wo genau befinden sich Anlagen? Wie funktionieren sie? Welche Kapazitäten haben sie? Solche Informationen können journalistisch oder gesellschaftlich von berechtigtem Interesse sein – zugleich können sie potenziellen Angreifern helfen. Auch Führungen durch technische Anlagen müssten deshalb heute anders bewertet werden als noch vor einigen Jahren.

„Es ist ein Angriff auf unsere Lebensgrundlagen“, sagte Lindhuber über gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur. Er begrüßte, dass solche Angriffe inzwischen wesentlich ernster genommen würden als noch vor zehn oder zwölf Jahren, als Beschädigungen von Kabel- oder Netzinfrastruktur teilweise eher als gewöhnlicher Vandalismus wahrgenommen worden seien.

Resilienz kostet allerdings Geld. Redundante Netze, Schutzmaßnahmen und zusätzliche Infrastruktur müssen finanziert werden, obwohl sie im besten Fall niemals gebraucht werden. Lindhuber forderte deshalb langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Sein Fazit: „Es ist ein Marathon, es ist kein Sprint.“ Resilienz entstehe durch Vorsorge und nicht erst in der Krise.

Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen brachte die Perspektive des Krisenmanagements in die Diskussion ein. Das BayZBE trainiert Einsatzkräfte für Situationen, die über den normalen Rettungsdienst hinausgehen: Massenanfälle von Verletzten, Anschläge, aktive Täter, Naturkatastrophen oder länger andauernde Krisen.

Beinlich kritisierte eine gesellschaftliche und politische Neigung, erst auf Katastrophen zu reagieren, statt vorher konsequent vorzusorgen. „Wir sind immer noch reaktiv“, sagte er. Viele Sicherheitsstandards seien historisch erst eingeführt worden, nachdem Katastrophen ihre Notwendigkeit brutal bewiesen hätten.

Ein Problem sei dabei die von ihm so bezeichnete „Katastrophendemenz“. Nach einer Krise würden Konzepte entwickelt, Erfahrungen ausgewertet und Verbesserungen versprochen. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand lasse die Aufmerksamkeit jedoch wieder nach. Dabei sei die nächste Krise keine theoretische Möglichkeit. „Es ist keine Frage, ob die Krise wieder eintreffen wird, sondern eher wann.“

Beinlich brachte seine Forderung nach mehr praktischem Handeln mit einem Satz auf den Punkt, der im PresseClub für Aufmerksamkeit sorgte: „Machen ist wie wollen, nur geiler.“

Mehr Investitionen in Bevölkerungsschutz seien aus seiner Sicht kein verlorenes Geld, selbst wenn die befürchtete Krise nicht eintrete. Würden Hilfsorganisationen, Ehrenamt, Polizei und Bevölkerungsschutz gestärkt und die erwartete extreme Lage bliebe aus, habe die Gesellschaft trotzdem gewonnen: Sie verfüge dann über besser ausgestattete Strukturen, die ebenso bei Hochwasser, Hitze, Sturm oder anderen Katastrophen eingesetzt werden könnten.

Wie wichtig dabei gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, zeigte Beinlich am Beispiel von Hochwasserereignissen. Nicht allein Feuerwehr, THW oder Rettungsdienste seien entscheidend. Oft seien es Nachbarn, die Pumpen bereitstellten, Keller leer räumten oder älteren Menschen halfen. „Die Menschen helfen sich, und dieser Staat funktioniert auch ziemlich gut“, sagte Beinlich.

Genau dort trafen sich die unterschiedlichen Perspektiven des Podiums. Resilienz bedeutet nicht, aus jedem Bürger einen „Prepper“ mit Generator, Treibstoff und riesigen Lebensmittelvorräten zu machen. Vielmehr geht es um überschaubare Vorsorge, Information und Nachbarschaftshilfe.

Strzedulla verwies auf Angebote wie „Krisenscout“-Veranstaltungen, bei denen Bürger erfahren können, wie sie sich auf Ausfälle und Notlagen vorbereiten. Beinlich empfahl darüber hinaus die Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Schon die Frage, wie ein Haushalt die ersten Tage einer Krise überstehen kann, könne viel bewirken. Und manchmal beginne Resilienz schlicht damit, beim älteren Nachbarn zu klingeln, wenn dort seit Tagen niemand gesehen wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends waren neue technologische Bedrohungen. Daniela Hand schilderte, dass auch die Polizei ihre Kommunikation und den Umgang mit sensiblen Informationen ständig neu bewerten müsse. In Zeiten von Smartphones und digitaler Kommunikation reiche klassische Verschlusssachensicherheit nicht mehr aus. Selbst scheinbar belanglose Informationen könnten zusammengesetzt ein aussagekräftiges Bild ergeben.

Das gelte auch für die Beschäftigten kritischer Infrastruktur, ergänzte Lindhuber. In sozialen Netzwerken sei es selbstverständlich geworden, über den Arbeitsplatz, Veranstaltungen und berufliche Kontakte zu berichten. Was einzeln harmlos erscheine, könne in der Summe sicherheitsrelevant werden. Unternehmen müssten deshalb ihre Beschäftigten stärker für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen sensibilisieren.

Auch Drohnen waren Thema. Auf die Frage, ob München gegen mögliche Drohnenangriffe ausreichend geschützt sei, verwies Hand auf die entstehenden Strukturen zur Drohnenabwehr. Absolute Sicherheit könne es allerdings nicht geben. Technologische Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten entwickelten sich permanent weiter.

Beinlich wiederum machte deutlich, dass moderne Technik nicht ausschließlich als Bedrohung betrachtet werden dürfe. Gerade künstliche Intelligenz könne im Katastrophenschutz helfen, riesige Datenmengen aus Sensoren und unterschiedlichen Quellen zu einem Lagebild zusammenzuführen. Entscheidend sei, die chaotische Anfangsphase einer Krise möglichst schnell in eine „Strukturierungsphase“ zu überführen. Je besser Informationen zusammengeführt würden, desto eher könnten Einsatzleitungen „vor die Lage kommen“, statt ihr hinterherzulaufen.

Am Ende kehrte die Diskussion zu ihrem Ausgangspunkt zurück: Demokratie braucht Menschen, die sich beteiligen.

Gerade bei jungen Menschen sieht Strzedulla Anlass zu Optimismus. Die Bereitschaft, sich bei Feuerwehr, THW, Rettungsorganisationen oder Vereinen zu engagieren, sei vorhanden – zunehmend auch bei Mädchen und jungen Frauen. Es müsse gelingen, ihnen Strukturen anzubieten, in denen dieses Engagement wachsen könne.

„Jeder und jede kann sich da einbringen – mit ihren Strukturen, mit ihren Kapazitäten, mit ihrem Engagement, ihrer Motivation, egal ob groß oder klein“, sagte Strzedulla zum Abschluss.

So blieb nach der Diskussion im PresseClub München weniger das Bild einer hilflosen Gesellschaft als vielmehr das einer Gesellschaft mit erheblichen Ressourcen – wenn sie diese nutzt. Polizei, Hilfsorganisationen und Infrastrukturbetreiber können vorsorgen, trainieren und investieren. Doch Resilienz lässt sich nicht vollständig delegieren.

Sie beginnt auch beim Einzelnen: mit einem Notruf, mit einem Vorrat für einige Tage, mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Informationen, mit dem Blick auf den Nachbarn und nicht zuletzt mit der Bereitschaft, sich für andere zu engagieren. In diesem Sinne bekam das Motto des Abends eine zusätzliche Bedeutung: Demokratie braucht Haltung – und Widerstandsfähigkeit braucht Gemeinschaft.

Text: Matthias J. Lange
Fotos: Matthias J. Lange
Video: Matthias J. Lange