Zwischen Verfall und Vergessen: Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter zu Gast im PresseClub München

Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.
Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.
Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.
Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft
Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“
Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“
Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“
Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“
Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen
Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.
Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“
Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“
Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.
Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.
Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.
Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“
Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.
Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“
Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“
Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.
Drohnen eröffnen neue Perspektiven
Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.
Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.
Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.
Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird
Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.
Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“
Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“
Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.
Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“
„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“
Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“
„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene
Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“
Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“
Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“
Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“
Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.
Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt
Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“
Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“
Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“
Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“
Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“
Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.
Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts
Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.
Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“
Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.
Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.
Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.
Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen
Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“
Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“
Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“
Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“
Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“
Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“
Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“
Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft
Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.
Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“
Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“
Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.
Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.
Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen
Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.
Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“
Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.
Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.
Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.
Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.
Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung
Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.
Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“
Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“
Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.
Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?
In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.
Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.
Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.
Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“
Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.
„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“
Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?
Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“
Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“
Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“
Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“
Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“
Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.
Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.
Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.
Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.
Video von Matthias J. Lange:
Podiumsdiskussion am 7.09.2026. Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – das Rekord-Oktoberfest.

Warum zieht das Oktoberfest Jahr für Jahr Millionen Menschen an? Was macht aus 16 Tagen Ausnahmezustand ein Stück Münchner Identität? Und wie viel Veränderung verträgt die Wiesn, ohne ihren Charakter zu verlieren? Im PresseClub München diskutierten Menschen darüber, die das größte Volksfest der Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen: Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn, Pfarrer und ehemaliger Wiesn-Kellner Rainer Maria Schießler, Wiesn-Bedienung Margarete Prijak, Wiesn-Stadträtin Anja Berger und Trachtler Michael Unruh vom Festring München. Moderiert wurde die Runde von PresseClub-Mitglied Manfred Otzelberger. Unter dem Motto „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung“ wurde schnell deutlich: Die Wiesn ist für diese Runde weit mehr als Bier, Geschäft und Besucherrekorde.
Wenn 7,4 Millionen Menschen auf die Theresienwiese kommen, liegt das Wort „Rekord“ nahe. Doch genau diesem Denken wollte die Runde im PresseClub München nicht verfallen. Die Wiesn müsse nicht jedes Jahr größer werden, lautete eine der zentralen Botschaften. Entscheidend sei vielmehr, ihren besonderen Charakter zu erhalten: als Volksfest, Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor, Begegnungsraum und ein Stück gelebter Münchner Kultur.
Anja Berger zog zunächst eine positive Bilanz. Trotz der enormen Besucherzahlen habe das Oktoberfest organisatorisch funktioniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das überarbeitete Sicherheits- und Crowdmanagement. Neue Kameras, verbesserte Abläufe und ein Sicherheitsraum hätten dazu beigetragen, auch große Besucherströme besser zu steuern. Gerade angesichts von zeitweise mehreren Hunderttausend Menschen auf dem Gelände sei dies eine enorme Leistung.
„Ich fand, dass es eine sehr, sehr schöne Wiesn war“, sagte Berger. Vor allem sei sie dankbar, „dass alle so zusammengearbeitet haben“. Absolute Sicherheit könne es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht geben. Dennoch habe sie die Wiesn als friedlich erlebt. „Die allermeisten Menschen haben sich sehr glücklich gefühlt. Die Lebensfreude war wieder auf dem Platz.“
Wie anstrengend diese Lebensfreude für diejenigen ist, die sie möglich machen, konnte Margarete Prijak aus eigener Erfahrung schildern. Seit 38 Jahren arbeitet sie auf der Wiesn. Körperlich geht das nicht spurlos an ihr vorbei. In diesem Jahr kam erschwerend ein gebrochener Mittelfuß hinzu. „Mein Kopf hat gesagt: Nein. Mein Herz hat gesagt: Ja“, beschrieb sie ihre Entscheidung, trotzdem wieder anzutreten. Nach 16 Tagen sei sie „sehr müde, sehr fertig“, zugleich aber glücklich: „Alles in allem war es wirklich eine wunderschöne Wiesn.“
Dass sie Jahr für Jahr zurückkehrt, liege keineswegs nur am Verdienst. Natürlich könne man in diesen 16 Tagen gutes Geld verdienen. Früher habe das Einkommen einer Wiesn-Saison schon einmal für ein Auto, Versicherungen oder größere Anschaffungen gereicht. Doch die eigentliche Motivation sei eine andere: „Das ist wie Heimkommen. Das ist Familie.“
Prijak beschrieb diesen Moment sehr anschaulich: Schon kurz vor der Eröffnung treffe man Kolleginnen und Kollegen, Geschäftsführer, Wirte und Bekannte wieder. Dazu kämen Stammgäste, die über Jahrzehnte zu Freunden geworden seien. Sie habe Hochzeiten erlebt und Menschen über viele Jahre begleitet. Die Wiesn sei deshalb „ein bisschen wie eine Klassenfahrt mit Arbeit“ – anstrengend, intensiv, aber getragen von einer außergewöhnlichen Gemeinschaft.
Ähnlich sieht es Rainer Maria Schießler. Münchens bekannter Pfarrer arbeitete zehn Jahre lang selbst als Bedienung auf dem Oktoberfest und kennt das Fest nicht nur aus dem Bierzeltbesuch. Die „Entzugserscheinungen“, scherzte er, seien bis heute vorhanden. Wenn er durch einen Biergarten gehe und einen Tisch sehe, der abgeräumt werden müsse, zucke es ihm noch immer in den Fingern. Der frühere Kellner stecke weiter in ihm.
Noch wichtiger seien jedoch die Beziehungen, die in dieser Zeit entstanden. Menschen, die er auf der Wiesn kennengelernt habe, habe er später getraut, begleitet oder beerdigt. Aus flüchtigen Begegnungen seien dauerhafte Bindungen entstanden.
Schießler widersprach deshalb auch der Vorstellung von der Wiesn als einer Art Ersatzreligion. Für ihn ist sie vielmehr eine Ergänzung zu etwas, das Religion ebenfalls vermitteln wolle: Lebensfreude und Gemeinschaft. „Der liebe Gott will, dass der Mensch glücklich ist. Er will, dass er feiern kann, er will, dass er das Leben genießen kann“, sagte der Pfarrer.
Dabei zog Schießler eine Verbindung zwischen religiöser Mahlgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen und Trinken auf dem Oktoberfest. In der Bibel spiele das gemeinsame Mahl immer wieder eine zentrale Rolle. „Ein Mahl ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ein Mahl ist Gemeinschaft“, formulierte er. Für ihn liegt darin ein wesentlicher Kern der Wiesn: Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Essen, Getränke und Freude.
Schießler wandte sich zugleich gegen den permanenten Rekordgedanken. Warum müsse nach einer erfolgreichen Wiesn sofort gefragt werden, wie sich die Besucherzahl noch steigern lasse? „Wir müssen keinen Rekord brechen.“ Viel wichtiger sei es, einen Erfolg auch einmal als solchen stehen zu lassen. Die Wiesn habe gezeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander feiern und arbeiten könnten. „Multikulti funktioniert“, brachte er es auf den Punkt.
Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn kann diesen Gemeinschaftsgedanken aus einer außergewöhnlich langen Perspektive bestätigen. 62 Jahre war er Wiesnwirt, in diesem Jahr erlebte er nach eigenen Angaben bereits seine 71. Wiesn. Für ihn steht fest: „Die Wiesn ist kein Oktoberfest, sondern ein Familienfest.“
Was er damit meint, zeigt sich für Hagn vor allem beim Personal. Viele Mitarbeiter blieben den Betrieben über Jahrzehnte treu. Manche Bedienungen arbeiteten 50 Jahre lang auf dem Fest, Schenken, Küchenchefs oder Bürokräfte über Jahrzehnte. Nach 16 Tagen schwörten zwar regelmäßig viele: „Nie wieder.“ Doch spätestens um Weihnachten kämen die ersten Grüße, und wenn im neuen Jahr die Verträge verschickt würden, wollten alle wissen, ob sie wieder dabei seien.
Einmal habe ein Computerproblem dazu geführt, dass nur ein Teil der Mitarbeiter seine Verträge erhielt. „Mein Telefon ist heiß gelaufen“, erinnerte sich Hagn. Sofort hätten sich die anderen gemeldet und gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Für Hagn ein Beleg dafür, dass die Wiesn als Arbeitsplatz anders funktioniere als die gewöhnliche Gastronomie.
Diese Verbundenheit übertrage sich auch auf die Gäste. Stammgäste kämen jedes Jahr wieder, Bedienungen kennen ihre Namen, Familiengeschichten und Gewohnheiten. Wer als Gast spüre, dass man sich an ihn erinnere, fühle sich nicht wie eine Nummer. „Der Gast ist König“, sagte Hagn sinngemäß – doch die Menschen, die ihn bedienen, gehören ebenso zum Erfolgsgeheimnis.
Auch Margarete Prijaks Familiengeschichte zeigt diese besondere Bindung. Bereits ihre Mutter arbeitete auf der Wiesn und blieb bis ins hohe Alter in der Gastronomie aktiv. Für die Mutter sei die Wiesn im Vergleich zur harten Saisonarbeit geradezu „Spielzeit“ gewesen. Prijak selbst sorgte sogar in ihren regulären Arbeitsverträgen dafür, dass ihr die 16 Tage Wiesn ermöglicht wurden. Eigentlich arbeitet sie im Büro – für die Wiesn aber wechselt sie jedes Jahr in eine völlig andere Welt.
Besonders wichtig ist ihr die soziale Durchmischung. Im Bierzelt sitze der Professor neben dem Handwerker, Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Einkommensgruppen und Ländern kämen miteinander ins Gespräch. Genau darin liege ein Kern der Münchner Biergarten- und Wiesnkultur: Man sitzt nebeneinander, redet miteinander und verbringt gemeinsam eine gute Zeit.
Doch die romantische Seite hat Grenzen. Prijak berichtete auch von Belästigungen, unerlaubten Berührungen und heimlichen Aufnahmen. Als erfahrene und selbstbewusste Bedienung könne sie sich zur Wehr setzen, sagte sie. Schwieriger sei es für junge und zierliche Kolleginnen. Wenn jemand Frauen ungefragt fotografiere oder ihnen unter den Rock filme, müsse eingegriffen werden.
Anja Berger wurde an dieser Stelle deutlich. Upskirting sei kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar. Sie bezeichnete solche Aufnahmen als „wirklich widerlich“. Zwar könnten Radlerhosen Frauen zusätzlichen Schutz bieten, doch Berger warnte davor, die Verantwortung auf die Opfer zu verlagern: „Eigentlich muss man auf die Täter schauen und sagen: Es geht nicht.“ Entscheidend seien Anzeigen, konsequentes Eingreifen und klare Regeln gegen unerlaubtes Fotografieren und Filmen.
Auch politische Konflikte hätten auf der Wiesn Grenzen. Gewalt, antisemitische Äußerungen oder aggressive politische Inszenierungen hätten dort nichts verloren, betonte Berger. Politischer Streit sei selbstverständlich erlaubt, körperliche Übergriffe oder menschenfeindliche Parolen dagegen nicht. Die Wiesn solle ein Ort bleiben, an dem Menschen unterschiedlichster Überzeugungen friedlich zusammenkommen.
Wie sehr die Wiesn inzwischen auch optisch Identität stiftet, machte Michael Unruh deutlich. Als langjähriger Trachtler und Präsidiumsmitglied des Festrings München kennt er die Unterschiede zwischen historisch gewachsener Tracht und dem, was heute vielfach als Wiesn-Outfit getragen wird. Für ihn ist die Entwicklung dennoch grundsätzlich erfreulich. Junge Menschen trügen wieder gerne Lederhose, Dirndl, Trachtenhemd oder Janker. Nicht alles entspreche einer traditionellen Vereinstracht, aber das müsse es auch nicht.
„Die jungen Leute fühlen sich darin wohl und zeigen das nach außen“, sagte Unruh. Tracht habe Symbolcharakter und vermittle Zugehörigkeit. Kritischer sieht er billige Plastik- und Fantasievarianten, bei denen Tradition nur noch zur Verkleidung werde. Entscheidend sei Authentizität.
Schießler nahm genau diesen Gedanken auf – obwohl er selbst keine Tracht trägt. Für ihn wäre es unehrlich, sich nur für einen Anlass in Lederhose zu werfen. „Es geht um Identität“, sagte er. Tracht sei dann glaubwürdig, wenn sich ein Mensch darin zuhause fühle. Er selbst empfinde das nicht so und bleibe deshalb bei seiner Kleidung. Authentizität sei wichtiger als Anpassung an eine vermeintliche Wiesn-Norm.
Unruh wiederum sieht in der Weitergabe von Tracht, Volksmusik und Brauchtum an die nächste Generation eine seiner wichtigsten Aufgaben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Trachtenbewegung. Wenn Kinder, die früher bei Veranstaltungen mitwirkten, heute selbst Verantwortung übernähmen, mache ihn das stolz. „Man hat etwas dafür geschaffen, dass es weitergeht.“
Besonders deutlich werde diese Verbindung von Tradition und Gegenwart auf der Oidn Wiesn. Für Unruh ist sie eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre: ruhiger, familienfreundlicher und stärker auf historische Formen des Volksfestes ausgerichtet. Auch hier zeigte die Diskussion jedoch, dass Tradition nicht Stillstand bedeuten kann. Zugangsregeln, Eintritt, digitale Tickets und Besucherführung müssen immer wieder angepasst werden.
Ohnehin sei die Fähigkeit zur Veränderung ein Wesensmerkmal der Wiesn, betonte Hagn. Wer das Oktoberfest der 1960er-Jahre mit dem heutigen Fest vergleiche, erkenne kaum dieselbe Veranstaltung wieder. Musik, Reservierungssysteme, Sicherheitsstandards und das Verhalten des Publikums hätten sich grundlegend gewandelt. Früher seien handfeste Schlägereien viel häufiger gewesen. Mit modernerer Musik und einer anderen Feierkultur hätten sich Aggressionen nach Hagns Beobachtung deutlich reduziert.
Genau deshalb wurde auch die Idee eines möglichen Kulturerbe-Status differenziert diskutiert. Einerseits erscheint die Wiesn mit ihrer Geschichte und weltweiten Ausstrahlung geradezu prädestiniert dafür. Andererseits warnte Hagn davor, das Fest einzufrieren. „Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Und die Wiesn verändert sich von selber. Immer wieder.“ Was heute neu sei, könne morgen bereits Tradition sein.
Auch Berger zeigte sich grundsätzlich offen, mahnte aber zur Vorsicht. Zunächst müsse genau geprüft werden, welche rechtlichen und organisatorischen Folgen ein solcher Status hätte. Die Wiesn lebe schließlich gerade davon, sich an neue gesellschaftliche, technische und sicherheitsrelevante Anforderungen anzupassen.
Wie eng Lebensfreude und Erinnerung auf dem Oktoberfest zusammengehören, zeigte der Rückblick auf das Oktoberfestattentat von 1980. Prijak schilderte sehr persönlich, wie knapp ihr Vater damals dem Anschlag entging. Bis heute versuche sie deshalb, während der Wiesn bewusst am Mahnmal vorbeizugehen. „Ich bin bis heute sehr, sehr dankbar, weil mein Papa keine fünf Minuten früher dran war.“
Hagn erinnerte sich ebenfalls an die bedrückende Stimmung nach dem Anschlag und an die Frage, ob und wie das Oktoberfest weitergehen könne. Der Trauertag auf der Theresienwiese sei gespenstisch gewesen. Gerade diese Erfahrungen zeigten, wie verletzlich ein Fest sei, das von Offenheit und Unbeschwertheit lebe.
Schießler brachte die dahinterliegende Frage auf den Punkt: Terror wolle die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern. Deshalb brauche es beides – das würdige Gedenken an die Opfer und zugleich die Entschlossenheit, sich die Lebensfreude nicht nehmen zu lassen. Hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren, wohl aber „hundertprozentiges Engagement für die größtmögliche Sicherheit“.
Wie aufwendig dieses Engagement ist, schilderte Hagn anhand der Sicherheitsmaßnahmen in den Zelten. Feuerlöscher, Behälter, Fluchtwege, Lieferungen und Lagerräume würden ständig kontrolliert. Personal werde für Bedrohungslagen geschult. Sicherheit auf der Wiesn sei nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzepts, sondern tägliche Detailarbeit.
Gleichzeitig bleibt das Oktoberfest ein internationales Fest. Rund 13.000 Menschen arbeiten nach Bergers Angaben dort, viele mit ausländischen Wurzeln oder aus anderen Ländern. Ohne diese Beschäftigten wäre die Wiesn in ihrer heutigen Größe kaum denkbar. Für Berger ist sie deshalb auch ein Beispiel dafür, dass Vielfalt im Alltag funktionieren kann: „Alle feiern zusammen, unabhängig von den Unterschieden.“ Herkunft und gesellschaftlicher Status träten für einige Stunden in den Hintergrund.
Diese Internationalität kennt Hagn seit Jahrzehnten. Besonders eindrucksvoll erzählte er von seinen Kontakten nach Moskau, wo er über zwölf Jahre an einem Bierfest beteiligt war und den damaligen Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow kennenlernte. Hagn half unter anderem dabei, das zeremonielle Anzapfen nach Münchner Vorbild zu etablieren. Daraus entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften, die weit über die Gastronomie hinausgingen. Angesichts der heutigen politischen Situation wirken diese Erinnerungen wie Zeugnisse einer anderen Epoche.
Auch die Frage nach der Größe der Wiesn beschäftigte das Publikum im PresseClub. Gibt es irgendwann eine Grenze? Könnten acht oder neun Millionen Besucher eines Tages Zugangsbeschränkungen notwendig machen? Berger hält davon wenig. Trotz des Rekords habe sich das Gelände keineswegs permanent überfüllt angefühlt. Das neue Crowdmanagement habe funktioniert. „Ich sehe keinen Bedarf an einer Obergrenze“, sagte sie. Vor allem wolle sie nicht ständig über neue Rekorde sprechen. Die Wiesn müsse nicht immer größer werden.
Ähnlich kontrovers wurde über Blogger, Influencer und Livestreamer diskutiert. Berger machte deutlich, dass neue Medien selbstverständlich zur modernen Wiesn-Berichterstattung gehören. Gleichzeitig müsse unterschieden werden zwischen journalistischer Berichterstattung und kommerziellen Angeboten, mit denen auf dem Festgelände Geld verdient werde. Wo kommerzielle Nutzung stattfinde, seien Regeln und gegebenenfalls Lizenzgebühren nachvollziehbar. Ausgrenzen dürfe man neue Medien deshalb aber nicht: „Es ist wichtig, dass man alle Medien bedient.“
Am Ende der Diskussion stand damit weniger die Frage nach Besucherzahlen, Bierpreisen oder Rekorden als die nach dem eigentlichen Wesen des Oktoberfestes. Die Antwort fiel erstaunlich einheitlich aus. Für die Menschen auf dem Podium ist die Wiesn vor allem Begegnung. Sie funktioniert, weil Menschen für eine begrenzte Zeit bereit sind, miteinander zu arbeiten, zu feiern, zu essen, zu trinken, zu lachen – und manchmal auch füreinander einzustehen.
Die Wiesn ist dabei keineswegs eine heile Welt. Es gibt Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, politische Provokationen, Sicherheitsrisiken und die Gefahr einer übermäßigen Kommerzialisierung. Doch gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur das Postkartenbild des Oktoberfestes zu pflegen. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört auch die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und das Fest weiterzuentwickeln.
Vielleicht erklärt genau das seine außergewöhnliche Widerstandskraft. Die Wiesn ist nicht deshalb Tradition, weil sie unverändert geblieben wäre. Sie ist Tradition, weil sie sich verändert hat, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren.
Diesen Kern beschrieb zum Abschluss ausgerechnet ein poetischer Text aus der Familie von Margarete Prijak. Darin geht es um das erste Maß, den kalten Krug in den Händen, das goldene Bier, die Schaumkrone und den ersten Schluck. Doch der entscheidende Moment folgt danach: Man setzt den Krug ab und schaut sich um. Die Menschen lachen, sie sind glücklich, für diesen Augenblick scheint alles zu stimmen.
„Das ist die Wiesn. Das ist Glück.“
Nach fast zwei Stunden Diskussion im PresseClub München ließ sich das Ergebnis kaum treffender zusammenfassen. Nach der Wiesn ist tatsächlich vor der Wiesn. Nicht, weil schon wieder der nächste Besucherrekord vorbereitet werden müsste, sondern weil für viele der Beteiligten das Oktoberfest nicht mit dem letzten ausgeschenkten Maß endet. Es lebt in Freundschaften, Familiengeschichten, Erinnerungen und Ritualen weiter – bis im kommenden Jahr wieder jener Moment kommt, an dem aus einer großen, leeren Festwiese für 16 Tage eine eigene kleine Welt wird.
Video von Matthias J. Lange:
Zwischen Linksrutsch und Rechtsruck: Wie viel politische Mitte bleibt?

Die politischen Ränder gewinnen an Kraft, traditionelle Mehrheiten werden schwieriger und das Vertrauen in Parteien, Medien und Institutionen steht unter Druck. Im PresseClub München diskutierten Roman Deininger, Sigmund Gottlieb, Elisabeth Redler und Fred Langhammer über die Folgen der jüngsten Landtagswahlen, die Verantwortung der politischen Mitte und die Frage, wie sich eine demokratische Gesellschaft gegen Radikalisierung behaupten kann. Die Diskussion leitete Manfred Otzelberger vom PresseClub München.
„Die Mitte ist das Beste“ – mit diesem Wahlkampfslogan eröffnete Manfred Otzelberger eine Diskussion, die schnell deutlich machte, wie wenig selbstverständlich die politische Mitte inzwischen geworden ist. Wahlerfolge an den politischen Rändern, Frustration über Regierungspolitik, eine zunehmend polarisierte Öffentlichkeit und die Macht der sozialen Medien verändern die politische Landschaft.
Für Roman Deininger, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, ist die Entwicklung auch eine Mahnung an die etablierten Parteien. „Die Mitte im Kampf gegen die Extreme, vor allem gegen die extreme Rechte, hat ein Stück weit versagt“, sagte er. Nicht aus bösem Willen, sondern aus „Trägheit“ und einer mangelnden Fähigkeit, flexibel auf die veränderten politischen Verhältnisse zu reagieren.
Bei seinen Reisen durch Wahlkampfgebiete habe er zugleich etwas anderes wahrgenommen: „Die Leute dürsten nach einer positiven Vision, die dürsten nach guter Laune.“ Genau hier sieht Deininger eine zentrale Aufgabe für die demokratischen Parteien. Politik müsse nicht nur Probleme beschreiben, sondern auch vermitteln, wofür sich Veränderungen lohnen.
Kompromisse sind kein Verrat
Ein Kernproblem sieht Deininger darin, dass politische Kompromisse zunehmend als Schwäche wahrgenommen würden. In einem Parteiensystem, in dem einfache Mehrheiten schwieriger werden, müssten jedoch unterschiedliche politische Lager miteinander arbeiten.
„Schmerzhafte Kompromisse sind nötig“, sagte Deininger. „Diese Kompromisse sind kein Verrat an Prinzipien, sondern politische Praxis, gelebte Demokratie.“
Gleichzeitig warnte er davor, auf schlechte Wahlergebnisse mit einem sofortigen Rückzug von Reformvorhaben zu reagieren. Eine Regierung müsse bereit sein, notwendige Entscheidungen auch dann durchzuhalten, wenn diese kurzfristig unpopulär seien.
Deininger schilderte zudem seine Erfahrungen als Reporter auf AfD-Veranstaltungen. Journalisten würden dort teilweise angepöbelt oder als „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ beschimpft. Die Bedingungen für Berichterstattung seien mitunter bewusst schwierig. Zugleich betonte er, dass es auch Gegenbeispiele gebe und einzelne AfD-Vertreter durchaus den Kontakt zu Medien suchten.
Problematisch sei vor allem eine Entwicklung, bei der parteinahe oder alternative Medienangebote gerade deshalb als glaubwürdig angesehen würden, weil sie sich offen auf die Seite einer politischen Kraft stellten. „Das Bewusstsein fehlt, dass ein mittlerer Grund, auf dem wir uns alle treffen, auf dem wir zivilisiert reden müssen, inzwischen am Erodieren ist.“
Sigmund Gottlieb: Die Mitte ist massiv geschrumpft
Deutlich besorgt zeigte sich auch Sigmund Gottlieb, ehemaliger Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens. Er erinnerte daran, wie breit die politische Mitte in früheren Jahrzehnten gewesen sei.
„Ich leide schon beträchtlich unter diesen Wahlergebnissen“, sagte Gottlieb. Die Mitte sei gegenüber den 1970er- und 1980er-Jahren „massiv geschrumpft“, wodurch Regierungsbildungen schwieriger würden.
Seine Kritik richtete Gottlieb sowohl gegen rechtsextreme als auch gegen linksextreme Entwicklungen, wobei er ausdrücklich zwischen den politischen Lagern und ihren jeweiligen demokratischen und extremistischen Strömungen unterschied. Besonders beunruhige ihn, dass radikale Positionen zunehmend als normal wahrgenommen würden.
Gleichzeitig warnte der frühere BR-Chefredakteur davor, Deutschland ausschließlich als Krisenfall zu beschreiben. Genau dagegen richte sich sein Buch „Cooles Land, trotz allem“.
Deutschland verfüge über eine starke Zivilgesellschaft, erfolgreiche Familienunternehmen, ein international anerkanntes duales Ausbildungssystem und eine lebendige Gründerszene. „27 Millionen Menschen sind hier in diesem Land im Ehrenamt tätig“, hob Gottlieb hervor. Deutschland sei eine „engagierte, starke Gesellschaft“.
Seine Kritik gilt deshalb auch der öffentlichen Wahrnehmung: „Wir haben über viele Jahre nur die eine Hälfte der Wahrheit, den Pessimismus, in den Vordergrund gestellt.“ Dauerndes Jammern und Schlechtreden könne politische Resignation verstärken.
Welche Verantwortung tragen die Medien?
Damit war die Diskussion bei einer unbequemen Frage für einen PresseClub angekommen: Tragen Medien selbst zur politischen Polarisierung bei?
Gottlieb sieht durchaus eine Mitverantwortung. Konflikt, Krise und Zuspitzung gehörten zwar seit jeher zum Nachrichtengeschäft. Inzwischen habe sich die negative Erzählung jedoch teilweise zu einem Geschäftsmodell entwickelt.
Deininger widersprach dem nicht grundsätzlich, setzte aber einen anderen Schwerpunkt. Journalismus müsse dort hinschauen, „wo es knirscht“. Kritische Berichterstattung sei keine Fehlentwicklung, sondern eine wesentliche Aufgabe der Presse.
Entscheidend sei die Art, wie Journalisten damit umgehen. „Wir müssen uns um Nüchternheit bemühen“, sagte Deininger. Medien dürften die Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen nicht auf einfache Parolen reduzieren.
Als journalistisches Leitbild nannte er die Suche nach der „best obtainable version of the truth“ – der bestmöglichen erreichbaren Version der Wahrheit. Gerade darin liege die Stärke professionellen Journalismus: Er müsse Zweifel zulassen, recherchieren, differenzieren und sich der Wirklichkeit möglichst genau annähern.
„Mehr Empathie, mehr Verständnis, mehr Einfühlen, mehr Differenzierung – das ist der Beitrag, den wir leisten können.“
„Omas gegen Rechts“: Engagement für die Demokratie
Eine andere Perspektive brachte Elisabeth Redler, Mitbegründerin der Münchner Ortsgruppe der „Omas gegen Rechts“, in die Runde. Sie schilderte, wie aus einer kleinen Gruppe von zunächst zwölf bis 15 Frauen eine deutlich größere Initiative entstand.
„Viele ältere Frauen wollen gar nicht alt genannt werden und auch nicht Omas“, sagte Redler mit einem Lächeln. „Wir sind fähig zur Selbstironie.“
Der Name sei inzwischen eine Marke. Dabei richte sich die Initiative nach Redlers Darstellung nicht gegen konservative oder bürgerliche Parteien. „Es geht uns um die Verteidigung der Demokratie, und das Grundgesetz gibt uns die Richtschnur.“
Mit „rechts“ meine die Initiative rechtsextreme, antidemokratische, menschenverachtende und autoritäre Positionen. Gleichzeitig positioniere man sich gegen Antisemitismus und politische Gewalt unabhängig davon, aus welchem politischen Lager sie kämen.
Besonders wichtig sei den Münchner „Omas gegen Rechts“ inzwischen die Arbeit mit jungen Menschen. „Die haben keine Zukunftserzählung, die irgendwie ermutigend ist“, sagte Redler. Junge Menschen hörten von Klimakrise, Wirtschaftskrise, Kriegen und politischen Konflikten – aber zu selten davon, was sie selbst gestalten könnten.
Deshalb suche die Gruppe verstärkt den Kontakt zu Schulen und Jugendzentren. „Wir fühlen uns als Lobby auch für die jungen Leute.“
Ein Parteiverbot als Mittel der wehrhaften Demokratie?
Kontrovers wurde die Frage diskutiert, ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD angestrebt werden sollte. Redler machte deutlich, dass sich die „Omas gegen Rechts“ an Demonstrationen beteiligen, die eine entsprechende Prüfung fordern.
„Es ist eine Möglichkeit, die für die wehrhafte Demokratie im Grundgesetz vorgesehen ist“, erklärte sie. Gleichzeitig kenne ihre Initiative die Gegenargumente und das Risiko, dass ein gescheitertes Verfahren die AfD politisch stärken könnte.
Auch Deininger sprach sich dafür aus, die rechtlichen Möglichkeiten sorgfältig zu prüfen, warnte aber vor einem Parteiverbotsverfahren als Ersatz für politische Auseinandersetzung.
„Was nicht passieren darf, ist, dass ein Verbotsverfahren von politischen Kräften als Ersatz für eigene Politik kommt.“
Gottlieb äußerte ähnliche Vorbehalte. Eine juristische Prüfung könne sinnvoll sein, dürfe die Politik aber nicht davon entbinden, selbst Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu entwickeln.
Die Brandmauer allein reicht nicht
Fred Langhammer, Chairman Global Affairs von The Estée Lauder Companies und langjähriger Kenner der USA, brachte die internationale Perspektive ein. Er lebt seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten und sieht sowohl das amerikanische als auch das deutsche politische System kritisch.
Beim Umgang mit der AfD hält Langhammer die permanente Diskussion über eine „Brandmauer“ für unzureichend. Stattdessen müsse viel stärker erklärt werden, welche konkreten politischen und wirtschaftlichen Folgen die Umsetzung von AfD-Positionen hätte.
„Man muss erklären, was die AfD überhaupt vorhat und was die Konsequenzen sind“, forderte Langhammer.
Seine Kritik richtete sich dabei auch an Friedrich Merz, mit dem Langhammer nach eigener Aussage befreundet ist. Merz sei „ein sehr intelligenter Mann“, habe aber Schwierigkeiten, seine Politik so zu vermitteln, dass sie bei den Menschen ankomme.
Langhammer zog immer wieder Parallelen zu den USA und Donald Trump. Einige wirtschaftspolitische Entscheidungen Trumps bewertet er positiv, mit dessen politischem Stil geht er dagegen hart ins Gericht. Die Art seines Auftretens könne er „überhaupt nicht vertragen“. Seine abschließende Bewertung war unmissverständlich: „Aus meiner Sicht ist es eine Schande für Amerika.“
Radikalisierung im digitalen Raum
Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf jungen Wählerinnen und Wählern. Dass jüngere Menschen besonders offen für Parteien an den politischen Rändern sein können, erklärte Deininger unter anderem mit der veränderten Mediennutzung.
Dabei seien politische Präferenzen junger Generationen keineswegs dauerhaft festgelegt. Noch vor wenigen Jahren hätten andere Parteien bei Erstwählern stark abgeschnitten. Das zeige, wie volatil diese Gruppe sei.
Entscheidend sei deshalb der digitale Raum. Desinformation, verkürzte Botschaften und emotionalisierte Inhalte hätten dort eine enorme Reichweite. „Wenn es darum geht, warum die Jungen so offen für die AfD sind, dann hat das natürlich schon mit dieser Dauerberieselung durch Lügen oder zumindest verzerrte Wahrheiten zu tun“, sagte Deininger.
Medienkompetenz, politische Bildung und die Fähigkeit, Quellen kritisch zu beurteilen, würden damit zu zentralen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.
Die Mitte braucht mehr als Abgrenzung
Trotz unterschiedlicher politischer Ausgangspunkte zeigte sich in der Runde eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Abgrenzung allein wird die politische Mitte nicht stärken.
Gute Regierungsarbeit, nachvollziehbare Reformen, eine verständliche Kommunikation und ein ernsthafter Umgang mit den Sorgen der Bevölkerung wurden immer wieder als Voraussetzungen genannt. Deininger forderte dabei von den Parteien eine größere Bereitschaft zur Differenzierung. Bei der Migration etwa müsse die demokratische Mitte sowohl über die Notwendigkeit von Zuwanderung und Integration als auch über Steuerung und Begrenzung sprechen können.
Zugleich dürfe der demokratische Diskurs nicht immer enger werden. „Mitte rechts und Mitte links ist immer noch, wie es ist“, sagte Deininger. Unterschiedliche politische Überzeugungen gehörten zur Demokratie.
Redler setzt dagegen vor allem auf gesellschaftliches Engagement. Menschen müssten wieder erfahren, dass Demokratie nicht nur etwas sei, das Regierungen, Parlamente und Parteien organisierten. Jeder Einzelne trage Verantwortung.
Und Gottlieb plädierte dafür, trotz aller Probleme nicht die Stärken des Landes aus dem Blick zu verlieren. Eine Gesellschaft, die sich permanent selbst ihren Niedergang erzähle, verliere irgendwann auch den Glauben daran, ihre Probleme lösen zu können.
Verantwortung endet nicht in der Wahlkabine
Zum Schluss stellte Otzelberger eine bewusst provokante Frage: Haben die Wähler eigentlich immer recht?
Deiningers Antwort fiel eindeutig aus: „Das Volk hat nicht immer Recht.“ Auch Bürgerinnen und Bürger müssten Verantwortung dafür übernehmen, wem sie ihre Stimme geben und welche politischen Konsequenzen damit verbunden seien.
Damit schloss sich der Kreis der Diskussion. Denn die Frage, ob die politische Mitte „noch zu retten“ sei, wurde an diesem Abend nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet. Die Runde beschrieb vielmehr eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Medien und Zivilgesellschaft – und nicht zuletzt der Wählerinnen und Wähler selbst.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft des Abends im PresseClub München: Demokratie ist keine Dienstleistung, die man bei Parteien bestellt und bei Unzufriedenheit reklamiert. Sie lebt vom Streit, vom Kompromiss, von einer freien Presse, von politischer Bildung und vom Engagement der Bürger.
Oder, wie es Deininger formulierte: „Jeder an seinem Platz, jeder in seiner Rolle – dann kann es auch besser werden.“
Video von Matthias J. Lange:
Christian Ude: Kultur als zweite Bühne
Wie Münchens Alt-Oberbürgermeister mit der Kammerphilharmonie dacapo Menschen zusammenbringt

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Herkulessaal der Münchner Residenz für Christian Ude einmal zu einem Lieblingsort werden würde? Als junger Mann empfand er die Konzertbesuche, zu denen ihn seine Familie mit Zehnerkarten verpflichtete, noch als Zumutung. Heute ist Münchens Alt-Oberbürgermeister Präsident des Freundeskreises der Münchner Kammerphilharmonie dacapo und hat in der Musik eine neue Leidenschaft gefunden.
Wie es dazu kam und welche gesellschaftliche Kraft Kultur entfalten kann, darüber sprach Ude im PresseClub München mit Maestro Franz Schottky, Gründer, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orchesters. Durch das Gespräch unter dem Motto „Leben nach der Politik – Kultur als zweite Bühne“ führten Presseclub-Vorsitzender Dr. Uwe Brückner und Anne-Marie von Hassel.
Vom politischen Schlagabtausch zum musikalischen Miteinander
Ude schilderte mit viel Selbstironie, wie sehr sich seine Interessen verändert haben. Während ihn politische Veranstaltungen heute häufig ernüchterten, habe er bei dacapo etwas entdeckt, das ihn aufbaue: Musik, Begegnungen und Menschen, die eine gemeinsame Begeisterung teilen. Seine musikalische Karriere sei allerdings überschaubar geblieben. Immerhin durfte er einst mit dem Ensemble „Blechschaden“ auf Konzertreise gehen – als Triangelspieler, eigens geschult für den entscheidenden Schlag am Ende eines Stücks.
Bei dacapo bringt Ude deshalb weniger seine musikalischen als seine kommunikativen Fähigkeiten ein. Mit der Veranstaltungsreihe „Musik im Gespräch“ schafft der Freundeskreis Gelegenheiten, Künstler persönlich kennenzulernen und Hintergründe ihrer Arbeit zu erfahren. Ob Gespräche mit Solisten, Einblicke in die Aufgaben eines Dirigenten oder Begegnungen mit dem Geigenbauer Martin Schleske: Hier soll Musik auch Menschen zugänglich werden, die keine ausgewiesenen Kenner sind.
Von Oberhaching auf Europas Konzertbühnen
Die Geschichte der Münchner Kammerphilharmonie dacapo begann im Jahr 2000 in Oberhaching. Franz Schottky, einer der letzten Schüler Sergiu Celibidaches, gründete dort die „Symphonische Werkstatt Oberhaching“. Mit Aushängen beim Bäcker und Metzger suchte er damals Menschen, die gemeinsam musizieren wollten.
Aus dem zunächst gemischten Ensemble aus Amateuren, Nachwuchstalenten und erfahrenen Musikern entwickelte sich Schritt für Schritt ein professionelles Orchester. Einen Meilenstein markierte 2012 ein Konzert zum 100. Geburtstag Celibidaches im Herkulessaal. Inzwischen gastiert dacapo auch international, unter anderem beim Ljubljana Festival und im Wiener Musikverein.
Bemerkenswert ist dabei die wirtschaftliche Entwicklung. Das privat getragene Orchester finanziert nach Angaben Schottkys rund 55 Prozent seiner Ausgaben über Eintrittskarten. Hinzu kommen Sponsoren, Stiftungen, öffentliche Fördermittel und private Spenden. Der Freundeskreis übernimmt damit eine wichtige Funktion, die weit über finanzielle Unterstützung hinausreicht.
Kultur schafft Gemeinschaft
Seit der Saison 2015/16 bilden die Sonntagsmatinéen im Herkulessaal einen festen Bestandteil des Münchner Musiklebens. Dabei endet das gemeinsame Erlebnis nicht mit dem Schlussapplaus. Nach den Konzerten treffen sich Mitglieder des Freundeskreises und Gäste häufig an großen Tischen zum Austausch. Neue Besucher finden schnell Anschluss.
Gerade darin sieht Ude einen besonderen gesellschaftlichen Wert. Angesichts zunehmender Polarisierung und verhärteter politischer Auseinandersetzungen brauche es Orte, an denen Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen zusammenkommen können.
Als Beispiel für einen solchen Umgang erinnerte er an seine jahrzehntelangen politischen Auseinandersetzungen mit Peter Gauweiler. Trotz aller Gegensätze hätten beide anschließend fünf gemeinsame Bücher veröffentlicht. Unterschiedliche politische Überzeugungen dürften den menschlichen Umgang nicht ausschließen.
Schottky unterstrich die verbindende Kraft der Musik. Im Orchester spielten beispielsweise ukrainische und russische Musiker selbstverständlich miteinander. Das gemeinsame Musizieren stehe im Vordergrund, nicht die Vermittlung einer politischen Botschaft.
Neue Saison beginnt im Oktober
Am 11. Oktober 2026 startet die Münchner Kammerphilharmonie dacapo um 11 Uhr mit der „Matinée der Virtuosen – Russlands Seelenklang“ in die neue Saison. Auf dem Programm stehen Werke von Rubinstein, Rachmaninow, Mendelssohn, Scriabin und Schostakowitsch. Solistin ist die Geigerin Ilona Cudek.
Weitere musikalische Stationen führen nach Finnland und Österreich. Die Konzertreihe „Wege zur europäischen Romantik“ verbindet dabei bekannte Meisterwerke mit seltener gespielten Kompositionen.
Für Christian Ude ist die Musik längst mehr als eine angenehme Freizeitbeschäftigung. Sie bietet ihm eine neue Bühne, auf der er seine Erfahrungen als Kommunalpolitiker, Netzwerker und Gesprächspartner einbringen kann. Und sie zeigt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein in politischen Debatten entsteht, sondern ebenso dort, wo Menschen gemeinsam zuhören, miteinander sprechen und Freude teilen.
Weitere Informationen und Konzertprogramm: www.kammerdacapo.de
Bier- und-Oktoberfestmuseum

Zur Einstimmung auf das diesjährige Oktoberfest haben sich am Donnerstag, 17.9.26, Mitglieder des PresseClubs zu einem höchst informativen wie vergnüglichen Besuch des Münchner Bier- und Oktoberfestmuseums in der Sterneckstraße getroffen – ein Ort, den selbst so mancher eingefleischte Ortskundige bislang noch nicht kannte.
Unter sachkundiger Führung von Wolfgang Ohlert und Martin Schega schlängelten sich die Besucher die steilen Stiegen hinauf, durch schmale Räumlichkeiten und enge Zimmer, die reichlich Anschauungsmaterial zu so ziemlich allen Aspekten des Brauereiwesens und der Wiesn im Besonderen boten.
Bei der anschließenden Verkostung der sechs diesjährigen Oktoberfestbiere nebst Brotzeit im dazugehörigen zünftigen Wirtshaus konnten alle wieder zu Kräften kommen und sich lebhaft über die neugewonnenen Erkenntnisse austauschen.
Unser ganz herzlicher Dank gilt unseren beiden Führern: unserem Mitglied Wolfgang Ohlert und dem Gästeführer Martin Schega. Beide haben uns dieses Museum und die Themen dahinter ganz wunderbar lebendig erleben lassen!
Durch die Moderation von Wolfgang Ohlert, der die Bierverkostung begleitete, haben wir überdies ganz viel über Bier, Alkoholprozente, Farbe und geschmackliche Besonderheiten gelernt. Welcher Gerstensaft der Favorit war – diese Frage blieb jedem zur persönlichen Beantwortung überlassen.
