„Die Botschaft Christi ernst nehmen“

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im PresseClub

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im PresseClub. Foto: Johann Schwepfinger.

„Für mich ist die Stimmung, mit der ich in dieses Jahr gehe, nicht nur geprägt vom Rückblick“, beginnt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm seinen traditionellen Besuch im PresseClub und startet gleich mit einer Exegese über die Jahreslosung: „Gott spricht, ich will den Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21,6) Das sei genau das, was wir brauchen: „Sie ist für uns in Deutschland wichtig, wo viele Menschen Angst vor Knappheitsgedanken haben.“ Bedford-Strohm, der auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, wünsche sich mehr Wahrnehmung dafür, wie viel geschenkt ist in diesem Land, auch materiell. Ein Stichwort für PresseClub-Chef Peter Schmalz, den Landesbischof um eine Einschätzung der politischen Lage zu bitten. Die Kirchen müssten immer wieder das Wort führen und Einspruch erheben, auch für die in Deutschland tatsächlich Benachteiligten.

Schon Kardinal Reinhard Marx, er ebenfalls der höchste Repräsentant seiner Kirche in Deutschland, hat bei seinem Besuch im PresseClub kurz vor Weihnachten über die Freundschaft mit dem evangelischen Landesbischof gesprochen, die sich im vergangenen Reformationsjahr vertieft hat. Und auch über manche spöttische Journalisten-Bemerkung über die religiösen „Zwillinge“. „Wenn Kardinal Marx darüber gesprochen hat, dann hat er das gleiche gesagt, das wage ich zu sagen, ohne dass ich dabei war,“ sagt Bedford-Strohm und bezeugt damit das Vertrauen in diese früher kaum vorstellbare Verbundenheit.

Er schaue mit Zuversicht in die Zukunft. Der teilweise große Ansturm auf Tickets zum Lutherjahr und die oft vollen Gottesdienste seien zwar nicht die sonntägliche Realität, aber 2017 „wurde ein Doppelpunkt gesetzt, kein Punkt“. Nun sei es wichtig, den Sonntag als den Tag der Christen wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Auch die Digitalisierung könne bei der Verkündigung nützlich eingesetzt werden, die Kirche tue das auch für die Gesellschaft. Angebote gebe es viele, zum Beispiel auch ein Portal mit Trausprüchen. Da könne der Pfarrer auch sehen, ob sich ein Paar schon mit der Bibel auseinandergesetzt habe. Mehr noch: Viele Gläubige berichten vom positiven Impuls dieser Netzangebote, aber auch von der Hilfe zur Konfirmation und auch bei Trauer. Der Landesbischof selbst ist digital sehr aktiv, er sieht in seinen regelmäßigen Facebook-Talks ein medienpädagogisches Engagement: Auch manche Konferenz, mancher Gesprächsaustausch mit Pfarrern und Kirchenvorständen vor Ort fänden schon auf digitalem Weg statt. Doch ob analog oder digital, wichtig sei das Amtsverständnis: „Wir verstehen uns alle in unseren Ämtern als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Weinberge des Herrn.“ Allerdings sei das Internet manchmal schon arg lahm. Wolle er von unterwegs nach einem seine Vortrag oder Gottesdienste einen Facebook-Eintrag posten, dauere es sehr lange, bis die Bilder hochladen.

Bei der selbstgestellten Frage, „was wir besser hinkriegen müssen“, übt der Landesbischof auch Selbstkritik: „Bei öffentlichen Stellungnahmen der Kirche geht es nicht um irgendwelche Polit-Kommentare, nicht, dass sich die Privatmeinung von Pfarrern oder Bischöfen ein Privatforum sucht, sondern, dass es darum geht, die Konsequenzen unseres christlichen Glaubens für das Leben öffentlich zu reflektieren. Es ist keine Polit- und schon gar keine Parteipolitik-Botschaft. Es geht darum, das Doppelgebot der Liebe ernst zu nehmen: Gott und den Nächsten.“ Wer die Nächstenliebe wirklich ernst nehmen wolle, der könne sich nicht davor drücken, dass solche Randgruppen eine Chance kriegen: „Flüchtlinge, Arme, die, die für Jesus zentral sind.“

Und so kommt Bischof Bedford-Strohm zum Klimawandel und zum Kohleausstieg. Es darf seiner Meinung nach keine Abstriche an dem grundsätzlichen Fahrplan der CO2-Reduktion geben. Die Kirche müsse die Stimme erheben, damit das Unrecht, das schon jetzt erfahren wird, in Grenzen gehalten wird. Die Christen in Deutschland hätten Verantwortung für die Menschen, die bei uns seien, wie auch die Menschen in Armut anderswo. Jeder Mensch habe das gleiche Recht zu leben. Eine kategorische Obergrenze lehnt Bedford-Strohm ab. Die sondierte Obergrenze von 180.000 bis220.000 Menschen entspreche dem, was derzeit aufgenommen werde. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland ermahnt dazu, Flüchtlinge, die ins Land kommen, doch auch arbeiten zu lassen. Es sei besser, diese Menschen zum gesellschaftlichen Leben beitragen zu lassen, als dass sie in ihren Unterkünften säßen, nichts täten und auf dumme Gedanken kämen.

Ein wenig Theologie darf nicht fehlen, und Landesbischof Bedford-Strohm ist direkt dankbar, dass er von Journalisten dazu befragt wird. Wie positioniere sich die evangelische Kirche zu der von Papst Franziskus vorgeschlagene Änderung der Vaterunser-Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“? Bedford-Strohm habe sich sofort an die Bibel-Arbeitsgruppe gewendet, die die Neuübersetzung betreibt. „Einen biblischen Text kann man nicht einfach umschreiben, man kann ihn interpretieren.“ Im Grunde genommen sei nur eine Passage aufgenommen worden, die so im Erwachsenen-Katechismus steht. Er habe aber nichts dagegen, dass das Vaterunser diskutiert wird. Die EKD sei aber zu dem Schluss gekommen, den Text nicht zu ändern. Gleichwohl sei aber jede Übersetzung Interpretation.

Ein Abschlusspunkt, der aber, wie bei Bedford-Strohm oft, in die Zukunft wies, ist das Gedenken in diesem Jahr an den vor 100 Jahren zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieg: „Wir wollen als Kirchen klar machen, dass wir gelernt haben, dass Nationen nicht gegeneinander kämpfen sollen, sondern zusammenarbeiten.“

Text: Heinrich Rudolf Bruns

Fotos: Johann Schwepfinger

Bleibt München die sicherste deutsche Großstadt? PresseClub-Gespräch mit Münchens Polizeipräsidenten Hubertus Andrä.

Bleibt München die sicherste deutsche Großstadt? PresseClub-Gespräch mit Münchens Polizeipräsidenten Hubertus Andrä. Foto: J. Schwepfinger.

Bei seinem letzten Besuch im Münchner PresseClub hat Polizeipräsident Hubertus Andrä angekündigt, er komme das nächste Mal „blau“. Und der Polizeipräsident kam blau, nämlich in der neuen, schmucken Uniform. Damit ist gleich das erste Thema des Gespräches unter der Leitung von PresseClub-Vorstand Peter Schmalz gefunden: Wie man sich denn so fühle in der neuen, blauen? – „Saugut“, es sei eine deutliche Veränderung, sagt Andrä und schwärmte von Tragekomfort, Schnitt und Material. Das Einbinden der Kollegen, die die Uniformentwürfe tragen durften, hätte gute Erkenntnisse gebracht. Schließlich, so Andrä, „sind wir ein Stück an Österreich herangerückt“. Die Designerin der deutschen Uniformen hat auch schon die des Nachbarstaates entworfen. Der Uniformtausch werde in diesem Jahr abgeschlossen, das Oktoberfest 2017 wurde bereits komplett in Blau begleitet. „Alles freiwillige Kollegen.“ Dazu gebe es in diesem Jahr noch neue Dienstwaffen und ein Elektroimpulsgerät.

Das zurückliegende Jahr sei relativ ruhig verlaufen, so kann der Polizeipräsident auf ein paar Punkte eingehen, die oft zu kurz kommen. Die Einsatzbelastung sei durch die allgemeine Terrorlage unverändert hoch geblieben, auch hätten die weltweiten politischen Konflikte Auswirkungen auf die Arbeit der Münchner Polizei, dazu zähle auch der Schutz von Generalkonsulaten. Daneben musste der Bundestagswahlkampf personalintensiv begleitet werden. Insgesamt mussten 580.000 Überstunden geleistet werden, etwa 100 pro Polizist. Das liege nur geringfügig unter dem, was beim G7-Gipfel anfiel. Und dennoch, so kann Andrä, habe die hohe Einsatzbelastung keinen Einfluss auf die Motivation der Kollegen. Wie schon nach dem OEZ-Amoklauf, drängten auch nach der Messerstecherattacke die Polizisten förmlich nach dem Einsatz. Der Polizeichef berichtet von einem Kollegen, der vor der Pensionierung stand und nicht alarmiert wurde, der aber dennoch samstags zum Einsatz kam und montags, wie geplant, von Andrä in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Doch er kann wenig Hoffnung darauf machen, die Überstunden durch Freizeit abzubauen, aber es gäbe mehr Geld als Überstundenausgleich. Zudem würden seit 2017 jedes Jahr 500 zusätzliche Polizisten eingestellt. Belastend sei auch die Wohnsituation in München: „Junge Kollegen haben es schwer, in München Fuß zu fassen und eine Familie zu gründen.“ Da wären mehr Wohnungen Staatsbedienstete hilfreich.

Der Polizeipräsident erwähnt auch, dass in jedem Streifenfahrzeug eine neue Schutzausstattung vorhanden ist. Modular aufbaubar kann sie sogar einen Kalaschnikow-Angriff aushalten. Sehr gute Ergebnisse brachte der Test der BodyCam: „Sie wirkt deeskalierend und wird von den Kollegen gerne getragen.“ Es sei denn, ein erheblicher Rausch verneble alle Sinne. Inzwischen würden Gerichte auch Polizeivideos gerne vor Gericht verwenden, wodurch oft auf Zeugenaussagen verzichtet werden könne. Allerdings nehme die Gewalt gegen Polizisten nehme: 2017 seien bei etwa 1.400 Angriffe 2800 Polizisten betroffen gewesen. Auch mischten sich bei Einsätzen immer mehr unbeteiligte Menschen zu Teil aggressiv ein. Andrä vermisst zunehmend Respekt nicht nur gegenüber Polizisten, sondern auch gegenüber Eltern, Lehrern und Feuerwehrleuten.

Sehr belastend sei der Vorfall in Unterföhring gewesen, bei dem ein Angreifer eine junge Polizistin so schwer verletzte, dass sie noch heute intensiv behandelt werden müsse. Andrä: „Was mich sehr beeindruckt hat, war die Hilfsbereitschaft und die Anteilnahme der Bevölkerung, bis hin zu dem 14-jährigen, der auf sein Weihnachtsgeschenk verzichtet hat und das Geld spendete. Wir haben auch immer noch einen engen Kontakt zur Familie, Kollegen waren auch in der Reha. Es war der extremste Fall von Gewalt gegen die Polizei.“

Die zu erwartenden Einsätze 2018 skizziert Andrä kurz: Die Sicherheitskonferenz, verschiedene Stadtveranstaltungen, das Public Viewing zur Weltmeisterschaft („wenn Deutschland im Finale spielt, trotz hoher Belastung, wäre das schon cool“), der Landtagswahlkampf, wer weiß, vielleicht auch nochmal ein Bundestagswahlkampf. Entwarnung kann der Polizeipräsident beim Enkeltrickbetrug geben: „Gibt’s in München praktisch nicht mehr. Wir haben ein gemeinsames Team mit Polen gebildet und die Hintermänner festgenommen. Seither ist Ruhe in München.“ Problematischer ist es mit dem Anrufen vermeintlicher Polizisten: Diese kommen meist von Callcenter in der Türkei, da sei aufgrund der politischen Lage eine Zusammenarbeit kaum möglich. Um falsche Polizisten zu entlarven, solle man sich immer den Dienstausweis zeigen lassen, gegebenenfalls auch nach der Dienststelle fragen und sich auch nicht scheuen, bei weiteren Zweifeln die 110 anzurufen.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche sei weiterhin hoch, wenngleich rückläufig, Cybercrime sei ein großer Schwerpunkt. „I woass ned, warum man an Kühlschrank braucht, der im Internet steht.“, wundert sich Hubertus Andrä. So geht die Münchner Polizei mit gut gefüllten Auftragsbüchern ins neue Jahr, und der Präsident verspricht: „Wir werden alles daran setzen, für die Sicherheit der Bürger in Stadt und Landkreis zu sorgen.“

Zuversichtlich ist Polizeipräsident Hubertus Andrä, dass das „sehr, sehr sichere“ München weiterhin eine der sichersten Millionenstädte in Europa bleiben wird.

Text: Heinrich Rudolf Bruns

Fotos: Johann Schwepfinger

Notker Wolf zu Gast bei der PresseClub Adventsfeier 2017: „Mich interessieren die Menschen“

Notker Wolf zu Gast bei der PresseClub Adventsfeier 2017. Foto: J. Schwepfinger.

Wie man ihn denn korrekt anrede, wollte im Vorgespräch ein Teilnehmer der Adventsfeier im PresseClub München wissen. „Abtprimas emeritus, das heißt ohne Meriten“, entgegnete Notker Wolf OSB mit einem schalkhaften Lächeln. Der ehemalige Abtprimas der Benediktiner war unser Gast zur traditionellen Feier, und nach dem Ausweichquartier mit lauter Musik und Kabarett von Nepo Fitz war es die erste Adventsfeier im neu eröffneten Stammquartier am Marienplatz. Allein diese beiden letzten Feiern zeigen die Bandbreite unseres Clubs.

Über Mönche, speziell Benediktiner, haben wir alle wohl ein besonderes Bild. Das „ora et labora“, das Beten und Arbeiten, verleitet dazu, Mönche im Betkammerl und bestenfalls im Klostergarten beim Bohnenernten zu sehen.

Notker Wolf, der zwölf Jahre der höchste Chef des weltweiten Ordens war, ist weitgereist und auch nach seiner Emeritierung ein Weltreisender in Sachen Menschlichkeit und Verkündigung. Erst vor wenigen Monaten hat er Klöster besucht. Die mehrwöchige Reise rund um den Globus war ihm zum Abschied von seinen Ordensbrüdern geschenkt worden:

(Notker Wolf erzählt, dass er bald jede zweite Nacht in einem anderen Bett lag, viele Klöster sah und noch einen Tag vorher in Rom war, wo ihn ein Mitbruder herzlich umarmte. Die Bemerkung, dass dieser eine riesige Knoblauchfahne gehabt habe, die selbst ihm als Knoblauchliebhaber fast zu viel war, führte im Club zu Heiterkeit.)

Notker Wolf ist getrieben davon, gemeinsam mit seinen Brüdern und Schwestern das Leben der Menschen in den ärmeren Gebieten dieser Welt zu verbessern. Ihn interessieren die Menschen, der christliche Glaube ist immer dabei, steht aber nicht unbedingt immer an erster Stelle, gab der Benediktiner offen zu. Aber: Der christliche Glaube blühe auf; je größer der Druck, desto lebendiger der Glaube. Seine Erfahrung aus China und sogar Nordkorea:

(Notker Wolf über den Besuch von Neukongregationen, das neue Ansehen Deutschlands und Angela Merkels in der Welt, Donald Trump und das Ansteigen des Meeresspiegels durch den Klimawandel.)

Von Moderator und PresseClub-Chef Peter Schmalz auf Nordkorea angesprochen, wo der frühere Erzabt von St. Ottilien ein Krankenhaus errichtet hat, von dessen Bau ihm viele abgeraten hatten, meint er, man müsse etwas probieren, sonst komme man nicht weiter. Kompliziert sei es allerdings, von Südkorea nach Nordkorea zu kommen, er müsse den Umweg über China nehmen. Überhaupt sei das Reisen in der heutigen Welt trotz Reisepasses manchmal mühsam. Selbst er als Ordensmann könne nicht überall problemlos die Staaten wechseln:

(Notker Wolf erzählt über das alte und neue Deutschlandbild sowie die Reiseschwierigkeiten mit deutschem Pass. Unter anderem, dass er mit iranischem Stempel nicht so einfach in die USA kommt.)

Notker Wolf will aber überall die karitative Seite der Kirche geltend machen. Gerade in Diktaturen wie in Nordkorea, wo die Bevölkerung besonders darbe. Er hat sich mit den jeweiligen Begebenheiten abgefunden, damit sei er weiter gekommen als gedacht. Die Embargos machten erfinderisch, manchmal gelinge es, über andere Länder medizinische Hilfslieferungen in ein anderes Land zu leiten.

Wie das denn so sei mit der Missionierung und den konkurrierenden Glaubensgemeinschaften, wollte einer der Gäste wissen. Die Antwort war  knapp und deutlich: Bibeln ins Land zu bringen, kann als Gesetzesverstoß gewertet werden.

(Der ehemalige Abtprimas erzählt über Abhöraktionen, das Mitbringen von Bibeln in Diktaturen und Fähigkeiten des iPhones.)

Auf die Ökumene in Deutschland angesprochen, gab sich Notker Wolf ganz pragmatisch: „Ich meine, wir sollten zusammenarbeiten und ned nach hinten schauen.“ Das gelte auch für Hilfswerke wie adveniat und Brot für die Welt. Sein Credo: Schluss mit der Angst, die Welt sei nun mal keine heile Welt, statt uns gegen alles abzusichern, müssten wir mehr Mut zum Risiko haben. Auch mit dem Islam:

Abtprimas em. Notker Wolf wies auf den heute oft vergessenen Unterschied zwischen Müßiggang und Muße hin und erinnerte an die benediktinische Regel, selbst den Kranken etwas zu arbeiten zu geben, um sie vor Müßiggang zu bewahren. Aber Muße hätten alle nötig. Und da dürfe man auch mal in ein scheinbares Nichtstun verfallen.

Es seien viel Ängste in der Bevölkerung. Das habe die letzte Bundestagswahl gezeigt. Zum Anspruch der AfD, das christliche Abendland retten zu wollen, meinte er nur: „Sollen sie. Aber ich habe im Parteiprogramm keinen Passus gefunden, was das christliche Abendland ist.“ Das Evangelium habe uns die frohe Botschaft verheißen, aber kein Schlaraffenland. Er rief das Bild von den Jüngern im Boot auf dem See ins Gedächtnis. Der schlafende Jesus sei bei uns, auch wenn wir meinten, dass er schlafe. Gott habe ihn auch in der Passion nicht verlassen. Dies sei der letzte Grund unserer Hoffnung, der Herr sei selbst durch verschlossene Türen gekommen.

Munter wurde der Widerspruch aus dem Zuhörerkreis zu Amoris Laetitia. Notker Wolf ist auf Papstlinie und sehr pragmatisch:

(Notker Wolf über Amoris Laetitia und die pragmatische Umsetzung.)

Damit ging die adventliche Stunde im PresseClub in den gemütlichen Teil über. Bei Leberkäs, Fleisch- und Gemüsepflanzerl neben Kartoffelsalat (wie immer von Karl-Heinz Wildmoser gestiftet) konnten die Gespräche vertieft werden und beim ein oder anderen Glas Wein der Frieden gefunden werden. Hochachtung zollen muss man PresseClub München-Geschäftsführerin Angelica Fuss und der freiwilligen Helferschar, die den nüchternen Raum behaglich gestalteten, sich um Plätzchen- und Getränkenachschub sorgten und im Hintergrund für einen reibungslosen Ablauf sorgten. Auch – oder gerade in der vorweihnachtlichen Betriebsamkeit wurde einmal mehr deutlich, dass der PresseClub München nicht nur Anlaufstelle für Informationen aus erster Hand ist, sondern auch über dem Marienplatz gelegen, Zeit zum Arbeiten mit Muße bietet.

Text und Audio: Heinrich Rudolf Bruns, Fotos: Johann Schwepfinger.

PresseClub goes Marienplatz

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer – erster Gast im PresseClub zum Start am Marienplatz. Foto: J. Schwepfinger.

Der PresseClub ist an den Marienplatz zurückgekehrt: Am 1. August haben wir unsere neuen Räume mit einer Pressekonferenz eröffnet, wenige Stunden später konnten wir Ministerpräsident Horst Seehofer als unseren ersten Gast begrüßen.

„Das ist ja wunderbar hier“, staunte er beim Blick durch die raumhohen Fenster hinüber zum Rathaus. Besonders aber schätze Seehofer wie alle im voll besetzen Konferenzraum die neue Fernkälte, die selbst am bisher heißesten Tag des Jahres für angenehme Kühle sorgte. Schon am ersten Tag zeigte sich der Presseclub als Kommunikationszentrum im neuen Haus.

Auf Einladung von Presseclub-Chef Peter Schmalz begrüßten alle Mieter den Ministerpräsidenten: Nina Hugendubel, die auf den Etagen unter uns die beliebte Buchhandlung eröffnete, Telekom-Manager Marcus Epple vom Flagship-Store im Erdgeschoss, Hotelier Carl Geisel, der ab September über uns luxuriöse Zimmer anbieten wird, und Gastronom Karl-Heinz Wildmoser, der dem Presseclub seit Jahren freundschaftlich verbunden ist. Eine rundum gelungene Rückkehr an unseren traditionellen Ort im Herzen unserer Stadt.

Fotos: Johann Schwepfinger.

Wird Politik durch Humor erträglicher?

hieß das Thema am 28. Juni, moderiert von unserm Clubchef Peter Schmalz. Würde uns ausgerechnet der „Meister des deftigen Strichs“, Horst Haitzinger, diese Frage beantworten helfen, der es eigentlich als seine Mission ansieht, sie uns unerträglicher, beißender vor Augen zu führen?

Wird Politik durch Humor erträglicher?

„Was darf Satire? – Alles!“ hatte einst Tucholsky gefordert. „Nein!“ sagt Haitzinger, „es gibt Grenzen, wo sie Menschen verletzt. Aber sie darf übertreiben! Sie darf aus einer Mücke einen Elefanten machen!“ Was er damit meint, haben wir im Anschluss an den „theoretischen“ Teil in seiner Ausstellung „Erschreckend aktuell“ im Münchner Bier- und Oktoberfest-Museum betrachten können. Die „Mücke“ will uns heimtückisch zu Leibe rücken. Die elefantösen Leiden, Schäden und Katastrophen, die sie anrichtet, führt uns Haitzinger vor Augen, mit humorvollem, aber deftigem satirischen Strich, oder gar in minutiös herausgearbeiteten, nachdenklich stimmenden ganzseitigen Aquarellen, für die er schon mal zwei Tage braucht.

Wie gelangte er zu dieser meisterlichen Zeichenkunst? Geboren 1939 in Eferdingen in Österreich, absolvierte er  nach der Hauptschule in Linz eine Ausbildung als Werbe- und Gebrauchsgrafiker. Früh fand er heraus, dass sich mit Karikaturen Geld verdienen ließ. Erste Karikaturen erschienen im „Simplizissimus“. In München studierte er 12 Semester an der Akademie der Bildenden Künste. Seine Karikaturen erschienen in den Nürnberger Nachrichten, ehe er 27 Jahre lang die Leser der Illustrierten Bunte jede Woche mit einer ganzen Seite kolorierter Zeitkritik begeisterte. „Absolute Freiheit“ habe er stets eingeräumt bekommen, die Redaktionen hätten ihm stets voll vertraut. Und: Noch nie seien ihm die Ideen ausgegangen. Heute sind es die Leser der Münchner tz, der Rheinischen Zeitung und anderer Printmedien, die er täglich – außer montags – herausfordert.

Ein neuer Lebensabschnitt öffnete sich für ihn, als er sich entschloss, auch großflächige Werke zu schaffen. Dazu brauchte er ein Atelier, das in München schwer zu finden war. In Schrobenhausen wurde er fündig. Dort hat der „Sonntagsmaler“, als den er sich selbst bezeichnet, in den vergangenen Jahren 15 Bilder geschaffen, die überwiegend die Zerbrechlichkeit unserer liebenswerten Erde zum Thema haben. Dass er dabei kein Sendungsbewusstsein entwickle, nimmt man ihm nicht ab. Da er immer wieder sonntags zum Pinsel greift, müssen die Leser der von ihm beglückten Medien montags auf ihren Haitzinger verzichten.

„Als Karikaturist muss man ein politischer Mensch sein. Man muss in Bildern denken, wobei der Erfolg nicht von hoher Aggressivität abhängt.“ Haitzinger ist ein Konservativer im besten Sinne: Er will diese Welt erhalten, politisch, friedlich, was die Umwelt und das gesunde Leben betrifft. Sein Favorit war einst Franz-Josef Strauß. Aber selbstverständlich nimmt er ebenso gern die Kanzlerin und neuerdings auch Schulz und Macron aufs Korn. Trump, Putin und Erdogan fordern ihn täglich heraus. Sie vorzuführen sei ein therapeutischer Akt für ihn.

Sein Lebenswerk bisher: Über 15.000 Zeichnungen, zahlreiche Sammelbände. Schon 1973 wurde ihm die Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München verliehen. 1995 und 2007 erhielt er den Deutschen Preis für die Politische Karikatur „Mit spitzer Feder“. Seit 2006 ist er Träger der Bayerischen Verfassungs-Medaille in Gold und Silber.

Im kleinen Oktoberfest-Museum, in dem man auch deftige leibliche Kost genießen kann und wo zur Zeit ein Querschnitt durch Haitzingers „erschreckend aktuelles“Œvre zu sehen ist, beantwortet er bereitwillig und geduldig unsere Fragen zu Leben und Wirken eines Karikaturisten auf seiner Gratwanderung zwischen beißender Satire und Fairness. Mit Horst Haitzinger einen der besten Karikaturisten Deutschlands im PresseClub zu Gast gehabt zu haben, das war wieder ein Höhepunkt in diesem Club-Jahr!

Text: Werner Siegert